11.01.2013

Noe 25 – Geburtstagsnacht im Spiegel

Noe war einst ein junger Mann seiner Zeit: „Live Fast, Love Hard, Die Young …“. Er wollte sich das Alter nicht ausmalen. Als sich lange danach das HI-Virus verbreitete, teilte er mit betroffenen Menschen deren gezählte Tage. Sie waren jung, verstarben schnell, ein Begräbnis folgte dem anderen. Wie schwer sie auch immer erkrankten, Noe empfand manche von ihnen als heil. Denn sie fügten sich in früher Lebensreife dem Lauf der Dinge, während er, immerhin und doch nur, gesund weiterlebte.
Noe war nun alt und mit ihm seine Fragen. Hatte er die Rufe des Lebens wirklich gehört, sich der Gegenwart ausgeliefert, seinen Geist von ihr durchdringen lassen, oder war er darin mit den vielen eigenen Plänen zum Irrläufer geworden? War er jener offenherzigen Wunsch- losigkeit gefolgt, die scheinbar Sicheres ins Wanken brachte? Wie weit war sein Vorsatz gediehen, inmitten des grenzenlosen Lebens ringsum, die Ansprüche an sein eigenes so zu mindern, dass es dem grossen Ganzen diente? Und hatte er sich von der allgegenwärtigen, so angsterfüllten wie ichbefangenen Gier befreit, welche das eigene Unmittelbare so lange unterdrücken konnte, bis es ganz verlorenging?
Noe löschte das Licht und suchte den Schlaf. Dort gab es keine Zeit.

11.12.2012

Noe 24 - Der junge Bruder

Schützende Bäume im Rücken, sassen Noe und Micha auf einer Bank am Rande eines bewaldeten Abgrundes. Vor ihren Augen lagen die Hügelzüge wie Wellen hintereinander, wurden mit wachsendem Abstand immer höher, um endlich in die Umrisse ferner Gebirge zu münden. Deren kantige Gipfel waren verwischt vom Abenddunst, welcher dem herbstlich dampfenden Land entstieg und der sinkenden Sonne sanft die Strahlkraft entzog. Gleich daneben erstreckte sich ein weites Feld, frisch bereitet für die nächste Saat. Noe sah die aufgewühlte Erde als Zeichen der Zukunft, Micha die verlorene Wiese der Jugend, der er soeben entwachsen war. Im sich neigenden Tag funkelte das Licht, wo immer es Widerschein fand. Es schien sich mit dem Gesang der Glocken zu verbinden, der aus allen Kirchtürmen der Umgebung brandete. Obwohl in Gedanken versunken, jeder unterwegs in den Gängen gelebten Lebens, verband Micha und Noe eine gemeinsame Gegenwart, unterstrichen durch ihr gleichförmiges Gewand. Als sie nun ihr Abendgebet anstimmten, wurde es eins mit allem, was sie umgab. Sie teilten den Augenblick des Einverstandenseins, abgeschnitten von Zweifeln, Zeit und Wollenmüssen. Es war ein Traum von Liebe, von Freiheit und Gemeinschaft. Ohne ineinander verschmelzen zu müssen.     (21.10.12)

31.08.2012

Grenzen los

Er fand in mir Gedanken,
die ich längst verloren glaubte,
eingekeilt in enge Schranken,
die der Alltag um sie baute.

Munter hielt er mir den Spiegel vor,
ich sah den jungen Wilden alter Zeit,
stand unversehens vor dem Tor
zum Atem der Vergangenheit.

Diese folgte meinem Leben,
ob ich wollte oder nicht,
ich hab‘ ihr längst vergeben,
fand aus Dunkelheit zum Licht.
(f.mw)

20.08.2012

Noe 23 – Bilderbogen

Noe wurde verlegen, wenn man ihn zu seinem Glauben an Jesus befragte. Seine Antwort darauf geriet umständlich und ungefähr. Viele Wissenschaftler gingen von einem geschichtlich bezeugten Jesus aus, nur, waren die Belege dafür nicht allzu brüchig? Noe hatte sich auf seinem Weg zur Mystik von dieser Frage längst getrennt. Mit der Zeit gelangte er zu einem unscharfen, mehrdeutigen Christusbild, mit dem er liebevoll streiten und leben konnte. Es begleitete sein Handeln wesentlich und diente ihm als Richtschnur. So verlor er sich nicht in den Weiten der Glaubenswelten und sein Bild folgte der Sicht, wonach die Religionen wahre Inhalte vermitteln konnten, wie auch unwahre und vor allem als Werkzeuge der Seelenkultur dienten. Noe verstand sich als Christ, kannte die Texte, bezweifelte sie gründlich und fühlte sich wohl damit - zum Ärger jener Aufrechten, die alles was sie glaubten, zu wissen meinten und vorzugsweise mit Worten des Apostels Paulus um sich schmissen. Wer aber war dieser Paulus? Wie hiessen die Autoren seiner Schriften und war er ein blindgläubiger Oberjünger oder ein begeisterter Himmelsstürmer? Noe mochte Paulus nicht. Aus dessen Briefen flüsterten Anmassung und Unterwürfigkeit zugleich. Verkündete hier ein von Sehnsucht verzehrter Jünger seine Wahrheit als allgemeingültige Wirklichkeit? Noe war ein Gründermensch und das Geschnatter übereifriger Jünger beeindruckte ihn noch nie.

19.08.2012

"Wie geht's" ...

"Danke, gut!" … erwidert er, denkt an die gescheiterten Kommunisten, an die von Krise zu Krise taumelnden Kapitalisten, den sich auftürmenden Schuldenvulkan, die irrwitzige Gelddruckerei der Banken, die zunehmend lebensfeindliche Arbeitswelt und an versiegende Quellen des Wachstums, von denen sie glauben, sie würden ewig reichen. Diktaturen gibt es immer noch, während Demokratien in der Informationsflut der Ziellosigkeit verfallen. Verstörte Bürger brennen sich selber Tausende neuer Gesetze auf die Haut und die neuen Vögte beherrschen die Menschheit, nicht Ländereien. Während sich unüberschaubares Wissen aufbaut, verkümmert das Denken. Kriege wüten überall, sichtbar oder nicht, der wuchernde Materialismus erstickt gute Zukunftsideen im Keime. Eine verlogene Eigenständigkeit wird zum Massensport, so dass jede Bewegung in Eigensucht erstarrt. Erfolg um jeden Preis, Gier, Neid und Nabelschau. Herausforderung, Strategie, Kriegsvokabular im Alltagsleben und die Liebe wird kompliziert. Zündende Aufbrüche gibt es nicht, die gemeinsame Angst treibt wundersame Blüten, dem Wort „Idealismus“ erwächst ein verächtlicher Klang. "Danke, gut!" … sagt er, geht seines Weges und fragt sich, ob Optimismus aus dem Pessimisten wachse oder nur die Augenbinde der Feiglinge sei.

07.11.2011

Noe 22 - πάντα ῥεῖ

 Wenn die Abende dunkler wurden und sternenklar, verlegte Noe zuweilen seine letzte Gebetszeit hinaus auf die Strasse. Leise murmelnd ging er im Schein der Leuchten den Weg hinauf zur Kirche, hinterher im Dunkeln weiter zum grossen Wegkreuz, an dem ein silberner Jesus im kalten Mondlicht schimmerte. Hier verweilte er für kurze Zeit. Dann führte er seine Schritte hinunter zur Hauptstrasse, wo er schliesslich begann, kreuz und quer zwischen den Häusern herumzuziehen, gerade so wie ihm zumute war. In so manchem kannte er Menschen, einige nur flüchtig, andere besser, und sie schienen in ihm auf, als er nun vor ihren Fenstern stand. Bilder glitten durch seine Gedanken, er fühlte Stimmungen, roch die Räume, gelebte Augenblicke kehrten zurück. Mochte aus einem Haus das bleiche Flackern eines Bildschirm‘s dringen, so fand sich andernorts am Küchentisch eine vertraute Runde, von der er nur Köpfe oder Schatten sah. Wieder andere waren in ihren Zimmern, im Schein der kleinen Lampen, für sich allein beschäftigt, geschützt von grossen Dächern und warmen Öfen. Dieses Wandern der Gedanken von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch, war Noe eigen seit er denken konnte. Besonders liebte er seine betenden Gänge der Verbundenheit durch das stille, warm eingewickelte Abendleben seines Dorfes. Auch wenn er sich tagsüber von einigen dieser Menschen belästigt fühlte, an einem solchen Abend mochte er sie alle und in vielfältiger Weise. Jetzt konnte er sie ausserhalb der Rollen sehen, wie Künstler nach dem Auftritt, die abgespannt und erleichtert waren, die tägliche Darbietung nun hinter sich zu haben. Noe schritt jeweils verschämt voran, denn er wollte sie und sich nicht stören.
( πάντα ῥεῖ : panta rhei - Heraklit = "alles fliesst")

25.08.2011

"Esoterik" im Reigen der Himmelsgeigen

In den “neuen“ geistigen Aufbrüchen suchen die Menschen nicht wirklich Antworten, sondern die Bestätigung ihrer eigenen Weltsicht. Darum stellen sie oft die falschen Fragen. Ist es etwa „neu“, wenn uns jede Schindluderei Verzückung beschert und brutale Selbstzerfleischung mehr Erkenntnis verspricht, als das bisher Vertraute? Weshalb die Verklärung „alten Wissens“ ohne den Blick auf Geschichte und Kritik? Und wohin hat sich das freie, hinterfragende Denken verkrümelt, die Fähigkeit zur Abgrenzung? Punkt für Punkt werden Fehler aufgefrischt, die seit jeher die überlieferten Religionsbücher durchziehen. Im Namen des „Neuen“ verwirft man die alten Kirchen, um sie sogleich  neu zu „erfinden“, samt lehrerhaftem Wahrheitsanspruch, Heilsversprechen und eisigen Sühne-Mustern. Wieder verkünden anmassende Menschen, was denn das „Göttliche“ sei, verkaufen gefühlsgedachte, mittelalterliche Halbgedanken als „ganzheitlich“, mutig und bahnbrechend. Als hätte es die Aufklärung im 18. Jahrhundert nie gegeben, wird Vergangenes zur Zukunft erhoben und so zur Fratze der Mutlosigkeit. Wie einst im Ablasshandel der Kirchen, verkommt die Gnade zu einem herstell- baren Verbrauchsartikel, wo Wunschdenken die Wahrnehmung verstellt. Bloss weg von den gewachsenen Wurzeln, nach denen das „Neue“ keinesfalls riechen darf. So gehen Bezugspunkte verloren, die zur Prüfung der eigenen Schritte notwendig wären, um nicht in Wahn, Ruin und Abhängigkeit zu geraten. Derweil räumt keiner die gestandenen Kirchen auf, niemand wirft die Händler aus dem Tempel. Die „Neuen Spirituellen“ sind dafür zu bequem und ihrem zeitgeistigen Sturzbachverstand fehlt die Fähigkeit, die Gedanken ohne Rührseligkeit zu Ende zu denken. Lieber rasen sie selbstheilungsverloren, erlebnisgeil und rosinenpickend durch die Glaubens- und Kulturgüter anderer  Völker. Lechzend nach Geist und ausgestattet mit einer Kreditkarte, jagen sie dem „Wissen" und seinen schillernden Propheten hinterher, um sich in fetter  Feinfühligkeit zu suhlen, die sich eitel um die eigene Lebensachse lullt. Ein dekadentes Affentheater konsumversessener Neu-Hippies, auf der Flucht vor der eigenen Lebensangst; schnurstracks hin zum alten Kitsch, dem Hokuspokus der Plapperseelen, die sich selber feiern und „Uneingeweihte“ für gefühlskalt und einfältig halten, obwohl diese nur weniger anfällig sind auf Firlefanz und Schmalz. Neues Zeitalter? Nein. Alter Kleingeist, miefig neu vergittert.

13.08.2011

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Krawalle in den Städten Englands, Feuer haben sie gelegt und Geschäfte geplündert. Entfesselte Jugendliche ohne Zukunftsaussicht wüteten blind und trotzdem aus berechtigtem Zorn. Wer so erwachsen sei, dies zu tun, verkündete der Premierminister, habe keine Wertvorstellungen und sei auch erwachsen genug, um entspre- chend hart bestraft zu werden. Warum werden dann er und seine Schmarotzerbrüder in den Geldfabriken oder auf dem politischen Parkett nicht auch bestraft? Auf Kosten von Abermillionen Menschen fechten sie ihren Kampf um Macht und Reichtum, treiben ihre Drecksgeschäfte, verhökern die Zukunft anderer Menschen, legen Feuer an die Märkte und plündern sie aus. Können derart entgeisterte Seelenkrüppel den Jungen als Vorbild dienen? Nein, denn sie sind abschreckende Scheuchen, die mit ihren Wertvorstellungen Angst, Verzweiflung, Leid und Tod verbreiten.

05.08.2011

Götterei zwei

Was bin ich in diesem Riesenspektakel? Die Forscher schätzen die Anzahl der Sonnen und Sonnensysteme in unserer Galaxis, der „Milchstrasse“, auf etwa 300 Milliarden. Diese Galaxis teilt den Kosmos mit anderen 100 Milliarden Galaxien. Nicht genug, reift die Erkennntis, dass mehrere Universen nebeneinander liegen, die sich in einem übergeordneten Raum bewegen müssen, der möglicherweise auch nicht alleine steht. In einigen Jahrmilliarden soll das Ganze zusammenkrachen und Neues entstehen. Ist all dies Wirklichkeit oder Einbildung? Raum definiert sich über seine Beschränkung und Endlosigkeit können wir nicht fassen. Treffe ich deshalb ständig auf Menschen, die mich in beispielloser Arroganz belehren, wer oder was Gott sei? Denkpause. Sollte ich vielleicht aufhören, nach dem Sinn zu fragen und ihn statt dessen selber stiften?

Götterei eins

Gibt es Gott? Ob ja oder nein, keine Antwort ist beweisbar. Gäbe es ihn nicht, bräuchten wir keine Fragen mehr zu stellen. Gingen wir davon aus, Gott lebte auch nur in weitestem Sinne, dann müsste er unsere Erkenntnisfähigkeit übersteigen. Beides können wir nicht wissen, aber glauben. Der Glaube an eine göttliche Existenz schafft mehr Aussichten als die gegenteilige Annahme. Denn ob es Gott gibt oder nicht, die Suche nach ihm erweitert die Geisteswelt, öffnet Raum und Zeit weit über das selbstversicherte „Ich“ hinaus. Gott-sucher leben von den Fragen, der Weg ist ihr Ziel. Das erfordert Gegenwärtigkeit jetzt und nicht irgendwann. Das Unbedingte zeigt sich geradewegs im Zeitpunkt, den wir soeben erfahren. Über einen anderen Blick verfügen wir nicht. Göttliches Wirken wäre demnach mit geschärfter Wahrnehmung im Alltag zu erkennen, in Begeben- heiten, Begegnungen, innerer Stille und allenfalls in Ritualen, die helfen können, die Leere zu bereiten: Den Raum für die Berührung. Da dem Menschen meist die eigenen Entwürfe im Wege stehen, müssen wir den Blick nach aussen frei räumen. Damit wird sich schwer tun, wer  zuviel nach sich selber fragt und sich als Mitte seines  Lebens sieht. Wer aber lernt, sich als ein Teil des Ganzen zu verstehen, entdeckt ein Wirken und Gewebe, welches mit eigenen Wünschen nicht zu erreichen wäre. Sich diesem hinzugeben, verbindet das persönliche Dasein mit dem umfassenden Leben ringsum. Da hinein sich auszuliefern, fallen zu lassen, ist das eine, persönliche Einschränkung und weniger Bedürfnisse zu haben, das andere. In unseren Gegenden sind die meisten Bedürfnisse Trug- bilder, die wir nicht hätten, wenn wir zufrieden in uns selber wohnen könnten. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“: Meist scheitert der Pfad zum Wesentlichen an der eigenen Disziplin. Sie sollte nicht äusserlich auferlegt sein, sondern dem Sehnen nach verbindlichem Leben entspringen, das den unsteten Zeitgeist in der Absicht umgeht, sich dem inneren Frieden anzunähern. Solchen Menschen öffnet der Geist die Bereitschaft sich zu verschenken, dem selbstverliebten Treiben entfliehen und dem alles überspannenden Ganzen dienen zu wollen. Das geschieht in einer Entscheidungs- freiheit, die aus tiefstem Herzen rührt. Der schmale Weg dahin ist nicht markiert, das Vertrauen in dich selbst und in den einen Fluss des Lebens, dem du zugehörst, wird dich führen.

02.08.2011

Die weltweite Stammtischrunde

Geschieht etwas Grosses und es fehlt die Erklärung, dann schiessen Verschwörungstheorien ins Kraut, die manchmal fast zu Religionen werden. Unbewiesen allesamt, blubbern sie durch die Geschichte der Menschheit. Die Gerüchteküche brodelt, hilfreiche Bücher werden geschrieben und Filme gedreht, die in 90 Minuten die Welt erklären. Abermillionen werden zu Geheimnisträgern, fühlen sich nun wissend und bedeutend. Könnte nicht hinter den Verschwörungstheorien die eigentliche Verschwörung stecken, mit der Absicht die Massen zu manipulieren oder damit Geld zu verdienen? Keiner fragt und so schliesst sich der Kreis der Flüsterer und ihrer Andächtigen: Die Wahrheit wird zur Hure und die Wirklichkeit vernebelt.

11.07.2011

Eile mit Weile

Er flog in die heile Welt
aus Sehnsucht nach Heimat.
Befreiung von der Angst.
Jesus zum Kissen, Gott als Schemel,
Glaubenswahrheit statt Geist.
Dann der Absturz
in die Schluchten des Lebens.
Zerronnen der Traum,
dunkel vernebelt das Herz.
Lichtlose Heimfahrt
in die Vergangenheit.
Misslungene Flucht.

04.07.2011

Noe 21 – ménage à trois

Noe erlaubte sich keine Erwartung, wohl aber Hoffnung. An jenem Tag war ein Strahl der Zukunft erloschen. Niedergeschlagen und gedankenschwer befand er sich auf dem Weg, einem jungen Gast entgegen, von dem er wenig wusste. Er traf Ives mitten im Dorf, wach, scheu, wie zwei neugierige Tiger gingen sie aufeinander zu. Als der Bann gebrochen war, führte sie Ives auf die Pfade seines Lebens und Noe legte das Seine daneben. Distanz und Nähe lösten sich ab, sie erzählten sich Geschichten, wagten Blicke in den Abgrund, dann hinauf in die Sehnsucht und lebten Wirklichkeit. Noe schien es, als ob er seinen Gast schon lange Jahre kannte und ihm nun endlich begegnet war. Weder Erwartungen noch Wünsche trübten das Zwiegespräch und keine verliebten Spiele. Noe hörte sich Dinge sagen, die er sonst verschwieg, denn Ives enthüllte in ihm vergessene Gefühle und holte schlummerndes Wissen in seine Gedanken zurück. Gemeinsam gossen sie grenzenloses Vertrauen und Achtsamkeit in diese Stunden beider Leben, gefesselt von den schimmernden Augenpaaren, deren Blicke sich manchmal ineinander verloren. Wie ein Blitz aus dem Nichts war alles da. Einfach da. Zwei Ritter entledigten sich ihrer Rüstung und lieferten sich aus wie Mönche. In diesem Augenblick ohne Geschichte und Zukunft erfasste die anschwellende Flut von Empfindungen und Gedanken alle Fasern des Seins, spülte die Kategorien hinweg, schuf dem Namenlosen den leergefüllten Raum, in dem Leben und Tod befreundet waren. Als Ives nach zwei Tagen gegangen war, fühlte sich Noe wie halbiert. Zwar rieb er sich die Augen, doch die Schwermut des Vortages kehrte nicht mehr zurück. Noe fühlte sich reich beschenkt. Ives und er waren beide jung und alt zugleich, waren einander Vater, Sohn, Bruder und Freund gewesen im selben Atemzug. Und sie waren umfangen von der Berührung durch das Unbedingte, welches sie mehr miteinander vereinte, als alles andere sie verbinden konnte.

19.04.2011

Noe 20 - Erwarten, Wollen, Lassen

Der junge David und Noe sprachen über Staatskunst, Frauen, Männer, Liebesfragen, Philosophie, Wissenschaft, Religion, anderes mehr und über den Glauben. Dabei dachte Noe an seine Begegnungen mit jenen bescheidenen Mönchen und Nonnen, die ihren Glauben völlig ungezwungen und natürlich zu leben wussten. Für sie waren die Wellen des Lebens der Ausdruck göttlichen Wirkens, sich diesem auszuliefern, hatten sie in jungen Jahren beschworen. Dabei legten sie ihr Hände keineswegs in den Schoss und fanden sich überall zurecht. Sie lernten Umstände und Zeichen zu lesen, um dann ohne Aufregung das zu tun, was der Lebensfluss erforderte. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Menschen wiesen die Wirren des Alltags in die Schranken, indem sie ihren Lebensgrund jenseits der Erkenntnis wussten und ausserhalb der menschlichen Geschäftigkeit. Sie verfügten über eine entwaffnende Art, sich der inneren und äusseren Wirklichkeit zu ergeben, ohne sich von ihr beirren zu lassen. Aus ihren Erfahrungen vermochten sie tiefe, einfache Schlüsse zu ziehen und diese unverfälscht anderen weiter zu schenken. So unscheinbar wie ihr Leben und ihr Erlöschen, war auch die Lücke, die sie im lauten Treiben hinterliessen. Dennoch hatten sie unauslöschliche Zeichen in jene Herzen gebrannt, deren Puls so leise und doch kraftvoll wie der ihre war.

07.04.2011

Aufbegehren!

Es gilt als Zeichen der Tugend, wenn ein Mensch persönlich erfahrenes Unrecht einstecken kann.Ich halte dagegen, dass diese Auffassung das Unrecht wachsen lässt und zu gebrochenen Untertanen führt. Sich gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen, gehört zum Fundament der menschlichen Würde. Zwar ist hehres Heldentum oft nicht der beste Weg, aber noch weniger ist es die verbreitete Waschlappigkeit mit ihrem Rückzug auf die kleine, eigene Welt. Das Thema ist alt, wie der kleine Text des deutschen Theologen Emil Niemöller zeigt:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

05.04.2011

Tonbildschau(er)

Alle paar Jahre wieder. Diese stürmische Musik voller Melancholie, klagender, tröstend erzählender Streichinstrumente, von rasend schnellen Pianoläufen umspült. Gefühle eines Lebens verdichtet auf Minuten und befreit. Nun taucht es auf, das Bild des Knaben aus der Vergangenheit, der sich bäuchlings auf seine Liege schmiss, das Gesicht vergrub in seinen Händen, sich hörend aufzulösen schien, aus sich selber trat, um von oben zu betrachten, wie grenzenlos sich seine Seele in den Klängen und Tränen verlief.

Jahrzehnte später betritt der junge Freund leise den grossen Raum, versteht den Augenblick selbstvergessener Geistesreise, vernimmt die Melodien, hört den aufgewühlten Alten flüstern, dass dies die Musik seiner Kindheit sei - und erwidert leise: „Es ist ein unermessliches Geschenk, wenn solche Klänge in den Bildern deiner Jugend wohnen.“

(Franz Liszt, Konzert für Klavier & Orchester Nr. 2 – Allegro moderato)

03.04.2011

Noe 19 - Christ und keines von beiden

Nicht der Glaube führte Noe in das christliche Mönchtum, aber seine jugendliche Prägung und die kulturellen Grundlagen. Obwohl herangewachsen in der Welt des eigenständigen Denkens, wo das Christentum nur Vergleichsgrösse war, niemals eine Vorgabe, entzündete sich im kleinen Noe die Liebe zu den Ritualen, Symbolen, dem Weihrauch, der Musik, kurz, zur Sinnlichkeit der Gottesdienste. Die religiösen Inhalte lehnte er fast alle ab. Dieser Gegensatz wurde Noe zum Schlachtfeld und die Kirche, durch seine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr, zur Heimat. Für Noe war „Heimat“ eine innere Welt, kein Lebensort. Der hörigen Herde mit ihren Hirten ging er aus dem Wege, ihrem Geplapper entzog er sich. Gottes Unfassbarkeit in Bilder und Ordnungen zu zwängen, lehnte er ab. Die Verkündigung der „Wahrheit“ empfand er als Anmassung der Religiösen, denn diese kannten sie so wenig wie er. Noe verwarf alle Heilsversprechen, nutzte aber die alten Symbole für seine Seelenkultur, machte sie zum fassbaren Werkzeug, mit dem er sich dem unfassbaren Ziel seines fragenden Lebens nähern konnte. Die Theologie verblasste zugunsten der Philosophie und die Quantenphysik schuf sich Raum in seinem Denken. Deren Fragen nach Ursache und Bewegung standen ihm näher als jene nach einem mächtigen, liebenden, strafenden Gott mit seinen allzumenschlichen Zügen. Kein „Amen“ aus Noes Mund: Er wusste NICHTS, blieb in seiner ewigen Schleife, in der Gott keine Antwort war und eine Frage blieb, auch dann, wenn Noe gelegentlich in alter Manier den dreieinigen Gott mit allen seinen Heiligen zu Hilfe rief …


02.04.2011

Wennundaberleier

WENN ich dies und das schon hätte oder wäre, zudem wüsste, was ich meistern würde, andere mich dabei unterstützten und ich ein klares Bild der Zukunft sähe, mehr Möglichkeiten zur Verfügung stünden, ich zuverlässig nichts verlieren und verpassen könnte, wenn mir der Beifall der Umgebung sicher bliebe und alle Aussichten zu meinen Gunsten stünden ... ja dann, dann würde ich …
ABER nun alles ändern kann ich nicht, will jetzt Aufgeschobenes erledigen, meine Schritte langsam planen, mich von den Dingen sachte lösen, Freiheit, Geld und Sicherheit bewahren, möchte Haus und Arbeit nicht verlieren, vorerst mir selbst vertrauen, statt dem Leben, meine Jugend voll geniessen und mich selber finden ... danach, ja, danach lass' ich
mich ein.

Manche leiern lebenslänglich dieses Lied und stecken in Entwürfen fest. Erfahrung holst du nur mit Aufbruch und Verzicht. Wäge ab soviel du willst, hundertfach und mehr, die Zunge an der Waage bist du selbst, mit deinem „Ja“ und „Nein“ zum nächsten Schritt.

25.03.2011

Noe 18 - Sicherscheitgestolper

Der junge Mann dachte viel und hatte gescheite Fragen. Diesmal meinte er augenzwinkernd, dass er „sicherheitsbehindert“ sei. Ja, die Sucht nach Sicherheit konnte Leben ersticken, das wusste Noe. Sie vermochte den Blick derart zu trüben, dass jeder Bezug zur Wirklichkeit verlorenging. Aus der Angst entstand die Forderung nach einem Leben ohne Gefahr, obwohl es dieses nicht gab. Mit den sich türmenden Jahren seines Lebens, nistete sich auch bei Noe das Bedürfnis nach Sicherheit ein. Je mehr nun diese wuchs, um so abgründiger wurde die Furcht davor, sie zu verlieren. War das die Folge der erfolgsabhängigen Beifallsgesellschaft der Einzeltänzer, in der er lebte und bei deren Zahlenhörigkeit die Liebe und das Zusammenstehen in sich zusammensackten?
Noe verstörte es, wenn die Sicherheitsbedürfnisse das Leben junger Menschen abzuwürgen drohten. Er selber war damals unbekümmert, wechselte ohne Zögern das Haus, den Ort, stellte bedenkenlos innert Stunden sein Leben völlig auf den Kopf und dabei hatte er keine Ahnung, was seinen Schritten folgen würde. Manchmal geschah dies aus schlichtem Trotz gegenüber dem „Lauf der Dinge“. Noe liebte Aufbrüche und überging die Abschiede. Trieb ihn das Unbehagen vor sich her, schwamm er zu neuen Ufern, liess die alten Küsten hinter sich, lieferte sich aus mit Freude und Schmerz. Er wurde von einem tiefen Lebensvertrauen getragen, was er allerdings nicht wusste, jedoch zu spüren schien. Und wenn er den Gefühlen der Angst verfiel, konnte er darin nur kämpfen oder fliehen. Von lauen Zwischentönen hielt er nichts. Er schlug sich durch die Angst, um hinter ihr den Mut zu finden. Dann erkundete er wach und wissensdurstig den neu erschlossenen Raum. Noe war deshalb für die kleinen Spiele nie zu haben, lieber spielte er mit seinem Leben.

08.03.2011

Schwärmerei im Löwenkäfig

Einer hatte sich unter dem Titel "Menschlichkeit" dem „Guten“ verschrieben, einem Entwurf aus fremden Quellen und er lebte ihn mit Nachdruck. So konnte es geschehen, dass jene, denen er seine beschwörende Liebe schenkte, sich bemüssigt fühlten, neu und anders lieben zu müssen. Die Liebe wurde erniedrigt zur Forderung, das "Gute" geriet zur Gewissenskeule und freie Gefühle erstickten im "gütigen" Zwang. So einseitig geht das nicht. „Menschlichkeit“ umfasst alles, was uns eigen ist, auch die Schattenseiten und den steilen Grat zwischen "Gut" und "Böse"? Unvergessen, wie vor Jahrzehnten ein Lied von Konstantin Wecker meine Mitte traf:
… Ich möchte etwas bleibend Böses machen
will in die Schluchten meiner Seele ziehn.
Das ganze Leben ist doch nur Erwachen
 aus bösen Träumen. Und ich will nicht fliehn. …
Dies‘ zu hören, war erlösend und befreite davon, immer nur „gut“ sein zu müssen.
Und nun, fast 40 Jahre später? "Gut" und "Böse" sind Eckpunkte eines Gesellschaftsvertrages. Jederzeit kann er hinfällig, aufgelöst oder missbraucht werden. Seine Begriffsinhalte ändern sich mit den Generationen, dem Zeitgeist, den Machtgelüsten und Bedürfnissen. In diesen Wellen verlieren sich Recht und Unrecht gleichermassen, wie “Gut“ und „Böse“ sich verschieben. Dabei kann jeder Opfer werden oder Täter und die Gewalt der Volksmehrheit so vernichtend sein, wie die eines Tyrannen. Nichts führt mehr zu Krieg und Elend, als die Meinungen über das "Gute" und der Wahn, im Besitze der "Wahrheit" zu sein.

14.02.2011

Erleuchtung ...

… wollen sie so schnell wie möglich haben, die jungen Männer, mit denen ich gerade chatte. Sie sind so um die 30, halten „Erleuchtung“ für „machbar“, bestellen "Gottes Wirken" nach ihrem Gutdünken, kämpfen sich gewissenhaft durch Geistesregionen, in denen es nichts zu kämpfen gibt. Danach können sie alles begründen, glauben verstanden zu haben und erkennen nicht, dass sie kaum am Anfang erst einer einzigen Erkenntnis stehen. Jetzt müsste die Suche beginnen. Statt dessen verwechseln sie den Allerwelts-Geistesblitz mit Weisheit, streichen sie heraus und wandern damit von Tür zu Tür. Sieh‘ her! Erfolg, Erfolg! Daneben steht, leise lächelnd, in fast unsichtbar feinstes Tuch gehüllt, wie ein Hauch der Leere, der Geist der Erkenntnis und - schweigt.
"Wahrheit" die so stürmisch wächst, hält der Wirklichkeit nicht stand. Diese aber wäre der Garten für das Wachstum einer tragenden Spiritualität und etwas Bescheidenheit dessen Eingangstor. Gärtner werden!

02.01.2011

Rauchen in Spanien

Jahresrückblicke. Da werden die Rauchverbote verschärft. Am Schluss des Artikels lese ich den Hinweis, dass in Spanien jährlich 53.000 Menschen an den Folgen des Rauchens sterben. Ich bin natürlich tief beeindruckt, frage mich aber doch, warum ich nie eine Erhebung darüber gesehen habe, wieviele Menschen an den Folgen des Lebens sterben.
Augenwischerei einer verängstigten Zivilisation?

Oder anders:
Nun haben wir den Weihnachtsrummel hinter uns. Keiner wollte ihn und jeder ging hin. Dann zwei obligatorische Abende freudig-melancholisch-rühriger An- und Abwesenheiten. Es folgten Zwischentage, die zu füllen waren und danach erging das Gebot der Fröhlichkeit zum Jahresende. Streng war es, irgendwie, verfressen, manchmal langweilig und öfters konfliktgeladen, trotz dem Streben nach Harmonie.
Diese Zeit liegt jetzt hinter uns. Sie hat wenig verändert: Eine Eins vergrösserte die Zahl 2010 auf 2011.
"Guets Neus" - und jetzt?

25.08.2010

Deal or No Deal

Wir lügen, betrügen, denken an unseren Vorteil zuerst, sind Verräter und können über Leichen gehen. Wir handeln gegen eigene Erkenntnisse und Gedanken, verkehren Liebe zu Forderungen des Gebens und Nehmens, erpressen und belehren einander, sind gierig, eifersüchtig, wollen Dinge und Menschen besitzen, tragen Masken, um uns und anderen zu gefallen. Wir haben Angst vor der Eigenständigkeit, übertünchen aber freiheitssüchtig die Grenzen des Seins, leben Trotz und Eitelkeit, fürchten uns vor dem Tod in allen Belangen, wo Kommen und Gehen sich zeigt – denn dann wird entkleidet, was kunstvoll verhüllt einher zu stelzen pflegt. Wir haben Angst vor dem Leben, wissen nicht, worauf es gründet, versuchen das zu sein, was wir wollen und was wir wollen, ist meist nicht das, was wir wären. Können wir so lieben? Und wenn ja, wen oder was genau? Vielleicht liegt hier die Wurzel dieser vertrackten "Urschuld", die uns immer wieder durch die Seele schiesst. Besteht nun die Kunst darin, herauszufinden, wie in diesem Desaster der Würde, verbogener Inhalte und erstickender Hoffnung ein neuer Plan, gegenseitiger Respekt, Vertrauen und eine sinnvolle Zukunft zu finden wäre?

25.05.2010

Jesus im Kaninchenstall

Jesus von Nazareth war nicht von gestern. Er suchte Auswege und Fortschritt. Sonst wäre ihm keiner gefolgt. Franz von Assisi hätte keine Freunde gefunden, ohne seinen Blick nach vorne. Aus der Glut ihrer Leidenschaft verbrannten sie für ihre Werte und setzten sich über die Regeln hinweg.
Warum sträuben sich Christen gegen den Fortschritt und behaupten, damit in der Nachfolge Christi zu stehen? Wer diese Nachfolge antritt, muss aufbrechen und loslassen. Unsere Heilsverwalter aber kleben an Überlieferungen, sind meist eingesperrt in geschlossene Gedankenräume und Rangordnungen. Wohlgenährte, angstgelähmte Krämerseelen, die sich in ihrer Gesetzeskirche gegenseitig ihre Richtigkeit beteuern. Im Elfenbeinturm wird festgeschrieben, was nicht festzuhalten ist. Unter der Decke feierlicher Gemeinschaftsseligkeit wuchsen Glaubenswahrheit, Schuld und Sühne, Verkündigungsauftrag, Drangsalierung des Gewissens und gerade soviel Feigheit wie Berechnung. Diese Verwalterseelen haben das Feuer längst verloren und umkreisen ihre Fahnenstangen. Abgesicherte Kleinbürgerlichkeit im Grossformat. Was soll daran christlich sein? Ausser der Fahne - nichts. Gefragt wäre das Weitertragen der Glut und nicht die Anbetung der Asche.

19.05.2010

Noe 17 – Wörterei

Noe's Gang auf der Spur der Mönche war steinig. Er folgte seinen Empfindungen, die er nicht begründen konnte. Die Kirche hatte ihn als gebranntes Kind in die Wüste geschickt und sein inneres Begehren stand im vollendeten Gegensatz zu seinem Gesellschaftsbild. Noe war zerrissen, wie ein gebrochener Baum im Sturm, und was er nun wollte, erforderte seinen ganzen Mut. Wo konnte er beginnen? Vielleicht boten seine Augenblicke schweigenden Seins, welche er nun lange geübt hatte, einen Zugang zu dieser Welt, von der er so angezogen war. Also öffnete er dieses Tor. Dahinter erstreckte sich keine Weite, aber Berge von Texten und Gebeten verstellten den Weg. Noe ging davon aus, dass Gott weder Schreibzeug kannte, noch eine Druckerei besass und pflügte sich verärgert durch den Wust der Schriften. Schliesslich gelangte er zum Rosenkranzgebet, welches sich, dank seiner Einförmigkeit und Gesangesnähe, mit seinem schweigenden Innehalten gut verbinden liess. Dass sich Noe dabei an den Worten stiess, lag auf der Hand. Mit Respekt und doch ungehemmt begann er die Gebete neu zu schreiben, damit sie ihm vertretbar wurden und er so zu alten Zeilen neuen Zugang fand. Er entdeckte, dass es nicht Neues zu schöpfen galt, sondern Vorhandenes neu zu denken. Im Vergleich seiner Lebenssicht mit alten Quellen zeigte sich, ob das Neue bestehen konnte oder nicht. Damit liess sich die zeitgeistige Beliebigkeit verhindern, welche ihre Fragen nur nach den erwünschten Antworten stellte.

18.05.2010

Noe 16 - Zwischenträume

"Ich glaube an nichts", hörte Noe häufig. Er pflegte dann zu fragen, was hundert Franken seien und erhielt billige Antworten. Eine Banknote hatte ja keinen Wert und war Eigentum der Nationalbank. Sie war der Ausweis des Glaubens, dass jemand auf dieser Welt bereit war, für ein lächerliches Stück Papier eine Gegenleistung zu erbringen. Und die Liebe? Bestand sie nicht ausschliesslich aus Absicht und Glauben? Allen voran jene Liebe, die wir tief in unseren Herzen trugen, die Sehnsucht nach dem Vollkommenen und der Geborgenheit? War sie nicht ein Traum, baute auf Hoffnung, wurde mit Erwartungen überladen und zerbrach oft lange bevor sie wirklich trug? Wenn Noe etwas glaubte, ordnete er seine Fragen und begab sich auf den Weg. Oder er hielt ein, um zu betrachten, was um ihn und in ihm selbst geschah. Neidlos konnte er den Atheisten zugestehen, dass sie eine schlüssige Antwort besassen, die jedoch so wenig zu beweisen war, wie der Inhalt der Leere, nach dem Noe suchte. Die Bandbreite dieser Unvereinbarkeit nährte Noe's Neugier und liess ihn nicht mehr los.

Seelenfressen

Langsam legt sich Nebel auf die Seele, ertrinkend droht sie zu verdursten, du verschliesst die Augen, hoffst auf Licht, erkennst die Dinge und willst sie nicht.

05.05.2010

Ebbe und Flachland

Wenn wir seine Bücklinge loben, statt den Mut zum eigenen Weg, seine Ritterlichkeit belächeln, derweil wir selber mutlos sind, seine Träume in Grund und Boden reden, ihn an unserem langen Leben messen, seine Eigenständigkeit verhöhnen, ihn sanft erpressen und verwöhnen, alles zu verstehen meinen und selber nur nach Sorgenfreiheit dürsten … was, bitte, soll ein junger Mensch schon tun, wenn da wo er lebt, jede Aufbruchstimmung fehlt.

29.04.2010

1. Mai - (m)Ein Land wird sauber

Nun sind wir auch hier so weit: Rauchverbot in den Gaststuben. Die Staatskünstler handeln erstaunlich schnell, wenn sie damit auf die Bühne gelangen und Mehrheiten hinter sich scharen können. Weniger erstaunlich ist es, dafür umso erschreckender, wie schnell diese Mehrheiten sich nach dem Winde drehen und dabei Grundsätze der Freiheit, wie gegenseitige Grosszügigkeit, Verständigung und persönliche Lebensführung, in die Hölle pusten. Unsere Gesellschaft ersäuft sich im Mief des kleinen Mannes, der andere verurteilen muss, um nicht die Achtung vor sich selber zu verlieren. Die Abenddämmerung in den Mehrheitsköpfen achtet nicht auf Minderheiten. Auf Kameraden, es gibt zu tun, jagt die Dicken, die Schräggeher, die falschen Rentner, die Ausländer, baut die Lebensmittel zu Heilmitteln um, merzt alle irgendwie Süchtigen aus, sperrt weg, was euch Angst macht und rutscht auf den Knien dem Gesundheitstraum entlang und der Konsumsucht hinterher. Um die wirklichen Fragen dieser Welt kümmern wir uns später, vorerst lasst uns lustvoll unterwürfig jede neue Fessel tragen. Die Hasenfüsse mit ihren Wohlstandsproblemen bemerken dann zu spät, dass die Enge drückt, die staatliche Bevormundung unerbittlich wächst und die Krankheiten weiter zunehmen. Wen sollen sie dann verdammen?
Sie werden neue Feinde finden, dessen bin ich mir gewiss.

27.04.2010

Noe 15 - Seba der Bauer

Wo Seba lebte, lernten junge Männer anständige Berufe, drückten sich nicht vor dem Militärdienst, trugen einfache Namen nach den Bräuchen der Familie und fast jeder war früher Messdiener. Eines Mittags stand Seba jenseits der Mauer bei der Kapelle und Noe diesseits im Garten seines Hauses. Seba war von hohem Wuchs, etwa zwanzig Jahre alt, schlank, ein Blondschopf mit offenen Augen und hatte starke aber feine Hände. Er habe früher, so erzählte er, einmal den Gedanken gehabt, vielleicht Priester oder etwas in diese Richtung zu werden. Dieses Leben und die Arbeit mit den Menschen hätten ihn angezogen. Er wäre wohl zu dumm gewesen für diesen Weg, beschloss er seine Worte. Diese unverblümte Aussage schien so selbstverständlich, dass sich Noe für Seba gegen dessen eigenes Urteil auflehnte. Lange Zeit danach, hob Seba mit dem Gabelstapler ein grosses Eisen-Kunstwerk über den hohen Zaun um Noes Garten. Dieser verfolgte gebannt, wie wachsam Seba die haarfeinen Bewegungen vollführte. Ein andermal schleppten sie gemeinsam eine schwere Kiste vom Dachboden nach unten. Darin lag die frühere Madonna aus der Kapelle, die vor Jahren einer restaurierten Muttergottes weichen musste. Seba hatte sie noch nie gesehen. Einmal mehr sah Noe diese Aufmerksamkeit und fühlte Seba's leisestolze Ehrfurcht vor dem alten Standbild. Denn es barg in sich das eingehauchte Leben seiner Vorfahren, die alle ihre Freuden und Leiden davor niederlegten. Als für Seba die Zeit der Meisterprüfung kam, schrieben sie zusammen an seiner dicken Schlussarbeit. Immer wenn Noe zu einem Satz anhob, hängte Seba in dessen Mitte ein und vollendete ihn. Dabei versprühte er ein Wissen, welches Noe betreten verstummen liess. Er war schon aus den Bergen ins flache Land gezogen, als Seba ihn besuchte. Ganz am Rande erwähnte Noe, dass er nicht wusste, wo er sein Alter verbringen würde. Seba entgegnete ihm, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, die Häuser bei ihnen wären gross genug. Inzwischen hatte Seba seine Frau gefunden, von den Eltern den Hof übernommen und war Vater geworden. Und Noe wusste um einen verschwiegenen Freund, der zu gescheit war, um gescheit daher zu traben. Er hatte von Seba weit mehr gelernt, als jener von ihm erhalten hatte und Noe wusste nun, was "Heimat" war.
(Seba hiess in Wirklichkeit anders)

21.04.2010

Trip und Flucht

(Gesprächsnotiz)
Ich kenne all' dieses Zeugs seit 45 Jahren. Was habe ich mir schon angehört, wie LSD und andere Mittel das Bewusstsein erweitern würden. Bisher traf ich niemanden, auf den diese Aussage zutraf. Eher verschob sich die enge Sicht woanders hin und wurde dort noch schmaler. Schon vor Urzeiten hätten sich Naturvölker auf diese Weise berauscht, erfuhr ich dann. Blödsinn. Die lebten in völlig anderen Kultur- und Zeitumständen, in denen sie ihre Menschen unter Anleitung und mit langen Ritualen auf eine Seelenreise führten. Nach einem oft wochenlangen Prozess konnte der Schluss der Reise aus einem Drogenerlebnis bestehen. Wir Zeitgeistmenschen wollen in billiger Anbiederung diesen tiefgreifenden Vorgang nun ersetzen, in dem wir in die Sonne blinzeln, uns naturnah schwatzen ohne es zu sein, Musik unterlegen und einen Trip schmeissen. Das Bild spricht Bände, womöglich sind wir auch noch mit dem Auto hingefahren. Die Indianer rundeten eine Sicht, die sie lebten. Wir aber schlucken unser Ding und kehren danach zur alten Bezugslosigkeit zurück. Die meisten Konsumenten "bewusstseinserweiternder" Drogen sind biedere und ängstliche Kleinbürger, die zu umgehen suchen, was sie anpacken müssten. Sie schaffen weder Neues für sich, noch für andere. Sie folgen dem Strom und verkünden so nicht einmal das Gegenteil des Schongehabten, geschweige denn ein gesellschaftliches Signal. Sie sind entweder nur konsumgeil und um 50 Jahre verspätet oder sie durchlaufen die Wirren der jugendlichen Wer-bin-ich-Zeit. Wer tatsächlich andere Wege finden will, stellt sich mit klarer Wahrnehmung der Wirklichkeit. In ihr lässt sich ohne Hilfsmittel Vergleichbares nachhaltiger erleben. Mit kleinkarierter Feigheit und grosskotzigen Sprüchen ist das nicht zu machen, aber mit Mut. Dieser wächst aus der Überwindung der Angst. Nicht aus einem Trip.

20.04.2010

Noe 14 – Was nützen Mauern ohne Tor?

In Noe's Leben gab es Grenzgänger und kranke Menschen. Einige hatten christliche Therapien hinter sich und was sie ihm erzählten, liess ihn erschauern. Nach der körperlichen Droge verloren sie sich neu in einer seelischen. Dies untermauerte seine Sicht auf die Kirchen, denen er misstraute. Von Hirten und Herden hielt er nichts. Sollte er in seinem Ärger nun austreten oder sich einlassen? Noe war Noe: Er entschied sich für den abenteuerlichen Weg und blieb. Mönch zu werden war nicht ein neues Leben, aber ein Richtungswechsel. Still bereitete er sich drei Jahre auf diese Wende vor. Als er so weit war, besuchte er im neuen Kleid seinen Freund im grossen Kloster. "Endlich", war dessen einzige Bemerkung. Noe suchte nun eine Gemeinschaft, in der er und seine kranken Freunde leben konnten. Er stiess auf Wohlwollen, fand aber nur Plätze am Rand. Dort waren sie schon. Noe wollte mit seinen Leuten in die Mitte, also musste er aus sich selber schöpfen. Zu allen Zeiten gründeten Menschen neue Orden und viele entstanden ohne Segen der Kirchenfürsten. Dies wollte er tun. In diesem Kloster würde es keine Gelübde geben und junge Männer konnten es besuchen, mitleben, bleiben oder gehen. Noe fragte nicht nach Hintergrund und Religion. Sie alle wurden Mönche auf Zeit, so wie es Noe in der buddhistischen Welt gesehen hatte. Das kleine Kloster wuchs und schrumpfte je nach Stand der Dinge. Er selber sah sich als Erster unter Gleichen, ein Begleiter durch die Schluchten, was nicht immer ganz gelang. Manchmal waren die Erfahrungsunterschiede zu gross und Noe liebte sich an den Rand seiner Kräfte. Die Mitbrüder brachten ihre Absichten und ihr Bestes in die Gemeinschaft, suchten hier nach ihren Spuren und trugen die neuen Erfahrungen hinaus in ihre Welt. Noe seinerseits hielt sein Versprechen an sich selbst und blieb, pflegte die Pflanzen, auf dass sie neue Früchte trugen.

18.04.2010

Noe 13 - Der Knabe und die Mönche

Noe war ein gläubiger Knabe. Sein Gott war nicht dreifaltig und hatte einen Bart. An ihn wandte er sich, wenn er alleine war. In Jesus sah er nicht Gott, sondern den mutigen Menschen und Bruder. Niemand wusste von Noe's stiller Welt, er behielt sie lückenlos für sich. Als seine Eltern erwogen, ihn, den 13jährigen, in die Klosterschule zu schicken, verhinderte er dies mit aller Kraft. Sein grösstes Geheimnis wäre offenkundig geworden und dafür war er zu scheu. Anderseits trugen im Kloster die ihm gleichaltrigen Schüler schon richtige Kutten und waren am Klosterleben beteiligt. Dieser Gedanke führte ihn regelmässig auf eine betörende, traumtänzerische Reise durch seine Tiefen. Zerrissen von Sehnsucht und Trotz. Obwohl er nicht wollte, wäre er zu gerne dorthin gezogen und – vielleicht geblieben. Durch die ganzen Schleifen seines Lebens begleitete ihn diese Glut. Manchmal loderte sie auf, wurde zum Feuer und er vernahm in sich die wehmütigen Rufe seines verbannten Klosterbruders. Ihm konnte er sich nicht entziehen. Auch nicht mit seinem zähen Kampfgeist und der unbändigen Freiheitsliebe. Ein solcher Ruf verzauberte Noe gleichermassen, wie er ihn verängstigte. Inzwischen hielt er tausend Ausflüchte dagegen, obwohl er wusste, dass mit Vernunft kein Schritt in diese Richtung jemals zu begründen war. Noes Gefühle gerieten in Aufruhr, wenn er vor einem bewohnten Kloster stand oder auf der Strasse einem jungen Mönch begegnete. Sein Blut stockte in den Adern, das Gefühl der Unzulänglichkeit übermannte ihn, die Augen verloren sich im dargebotenen Bild und begannen zu schimmern. Als er längst erwachsen war, betrat er, auf seine Weise und in vollendeter Widersprüchlichkeit, den Weg zum Mönch, auf dem er sich schattenhaft ohnehin schon längst befand. Nun aber schritt er wach und klar voran, wie nie zuvor.

17.04.2010

Fernsprecherei

Zurückhaltung und Geduld sind im Umgang mit Menschen wichtige Tugenden. Ich teile mein Leben mit einigen Telefonen. Sie schlummern in Räumen oder in der Hosentasche, bis ein eigenmächtiger Anrufer sie und ihren Besitzer ferngesteuert in Bewegung setzt. Augenblicklich schiessen sie aus ihrem Dornröschenschlaf, mischen sich in mein Geschehen ein, mit ihrem ganzen Register an ordinären Signalen. Sie fordern ungeteilte Zuwendung, gleich ob ich gerade mit Menschen zusammen bin, mir die Zähne putze oder koche. Ich will nicht. Tapfer ertrage ich den Einbruch, während ich auf dessen Ende hoffe. Andernfalls meint der Anrufer, sich verwählt zu haben und beginnt den nächsten Versuch. Ich will immer noch nicht, verspüre keine Lust zu reden. Ah, endlich - Ruhe: Und fünf Minuten später das gleiche Spiel. Der Befehl lautet: "Du hast abzunehmen, wenn Du zuhause bist", die heilige Leier der immerwährenden Erreichbarkeit. Verhielte sich jemand in meinen Räumen so wie meine Telefonapparate, würde ich diesem Menschen unverzüglich die Türe weisen. Hier aber wird mich später einer fragen, warum ich seinen Anruf nicht entgegennahm, er habe mehrmals versucht, mich zu erreichen. Anklage in tonaler Mittellage, die natürlich ernst ist und nur besagt, dass er nicht erhielt, was er haben wollte. Telefone gleichen schreienden Kleinkindern, nur trösten kann man sie nicht.

Noe 12 - Vorwort zwischendurch

Dann und wann wurde Noe aufgefordert, seine Gedanken aufzuschreiben. Noe hatte den Eindruck, dass es genügend ungelesene Bücher gab und niemand darauf wartete, dass auch er sich öffentlich darbot. Wenn er seine Gedanken niederschrieb, dann schienen sie ihm unverrückbar zu werden, wie in Stein gemeisselt. Sein grosses Interesse am Leben junger Menschen stimmte ihn um. Die Jungen waren die Boten der Zukunft. Von ihnen wollte er lernen und so für ihre Zeit erreichbar sein. Im Gegenzug hatte er befreiende Zeugnisse aus seinen Jahren anzubieten, die sie nutzen konnten oder nicht. Noe wusste um Liebe und Pein, wie man Menschen erkannte und mit ihnen in Beziehung trat. Er hatte Trampelpfade aufgespürt durch die Wirklichkeit, auf denen man nicht an derer Einfachheit zerbrach. Und wie oft hatte er die eigene Angst vor der Angst des anderen durchlaufen und dabei gelernt, mit diesen Lähmungen umzugehen, sie aufzulösen oder das Selbstmitleid zu überwinden. Noe kannte sowohl den Schmerz dieser Zeit, als auch ihre billige Wehleidigkeit. Ihr stellte er sein Denken und Handeln entgegen. Wollte er sich nun an junge Menschen wenden, bedeutete dies auch, sich der Mittel ihrer Zeit zu bedienen. Er erzählte einem Bekannten kleine Geschichten aus seinen Tagen und dieser zauberte sie, ein- und ausschaltbar, auf die Bildschirme einer flirrenden Zweitwirklichkeit: Ein, aus, ein, aus, ein, aus, je nach Belieben. Noe war froh, dass so keiner über ihn lesen musste, der dies nicht wollte.

08.04.2010

Gut und Schlecht

Die kleine Maus war auf der Flucht. Weit entfernt von ihrem Mausloch wurde sie von der Katze gejagt und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Der Busch da vorne bot zu wenig Schutz, die aufgeschichteten Steine auch nicht, da wäre sie tagelang belagert worden. Trotzdem sie um ihr Leben rannte, kam ihr die zündende Idee. Sie schlug einen Haken, flitzte in den Stall und fragte die Kuh nach einem perfekten Versteck. Diese dachte nach und hatte schliesslich den rettenden Einfall: "Ist nicht so angenehm, aber stell' dich unter meinen Hintern". Verdutzt und unschlüssig die Maus - ungeduldig die Kuh: "Mach vorwärts!". Das Mäuschen stellte sich also hin und schon einige Sekunden später war es zugedeckt von einem warmen Kuhfladen. Nun tigerte die Katze daher: "Hast du die kleine Maus gesehen?", fragte sie die Kuh. Diese: "Nee, wie sollte ich, in all' dem Stroh". Also zog die Katze aufmerksam ihre Runden durch den Stall oder sass lauernd auf dem Fensterbrett, von wo aus sie alles übersehen konnte. Da plötzlich erkannte sie, wie sich im Dung der Kuh etwas bewegte, was aussah wie ein  dünner Wurm. Sie ging hin, erkannte den Schwanz, packte diesen mit einem Griff und verschlang die quietschende Maus.
Und die Moral der Geschicht': Nicht jeder der dir auf den Kopf scheisst, will dir Schlechtes tun. Und nicht alle die dich aus der Scheisse ziehen, meinen es gut mit dir.
(Nachgetextete Geschichte aus dem Volksmund)

06.04.2010

Die Zirkusbühne ist rund

Ich kenne Menschen, die werden überrannt von den eigenen Ereignissen, noch während sie diesen hinterher jagen. Gierig hetzen sie durch den selbst erzeugten Druck, müssen dringend dieses realisieren oder jenes noch haben. Grenzenlos das Leben melken wie eine Kuh, ohne sich zu fragen, von wem sie gefüttert wurde. Das Zauberwort heisst "Selbstverwirklichung". Die Dringlichkeit ist Dauerzustand und das Wichtige dümpelt vor sich hin. Sie suchen die Überforderung, um sich selber zu spüren und ihrer verkopften Betriebsamkeit Leidenschaft und Seele einzuhämmern. Hinleiden zur eigenen Wirklichkeit, gut verpackt und mit Argumenten verkleistert, damit allen verständlich wird, wer man ist. Denn ohne Bestätigung, Bewunderung und Komplimente, die dann bescheiden abzulehnen sind, ergibt das Ganze keinen Sinn.
Bei diesen Menschen werde ich das Gefühl nicht los, dass sie sich als Hauptdarsteller auf einer Bühne wähnen und sich um die eigene Achse drehen. Sie machen alles zur Kulisse, jeden zum Statisten und gelangen so zu einer Selbstdarstellung, in der sie sich erträglich finden. Sie ahnen, dass sie ihr Leben von sich weisen, sich selbst nicht akzeptieren und sich auf der Flucht befinden. Intellektuell ertragen sie Kritik, emotional hingegen nicht, denn da zerfiele die Kulisse. Solches Leben ist fremdbestimmt und verletzt den eigenen Wert. Die Schuldgefühle bleiben und führen zur nächsten Runde im Hamsterrad der eingebildeten Lebensschuld.

05.04.2010

Shitegal

Vor Jahrzehnten trug ich mein kleines Piece Shit in der Tasche und auf meinem Fensterbrett spross der Hanf, den ich aus eigenen Samen zog. Joints waren normal, entsprachen dem Gefühl der Zeit in der wir lebten und um die wir kämpften. Cannabis war eine alte Pflanze, doch wir empfanden sie als neu, so wie Jugendliche immer als neu empfanden, was ihnen gleichaltrig schien. Haschisch bot keine grossen Probleme. Bei LSD wurde es schon kritischer, denn einige verirrten sich auf den ewigen Trip. Vor härteren Stoffen hatten die meisten Respekt, aber längst nicht alle.
Ich habe zuviel gesehen, um moralische Vorbehalte gegen Süchte und Betäubungsmittel zu haben. Sie stehen immer in Beziehung zur Situation des betreffenden Menschen. Sorgen macht mir jedoch der Cannabis-Konsum junger Leute. Gegen deren Keulen war unser Zeugs Kamillentee und ihre Geschichten erinnern mich an Erlebnisse mit härteren Giften. Inzwischen habe ich öfters gesehen, dass langer und regelmässiger Cannabis-Konsum für sehr junge Leute verheerende Folgen haben kann. Schon wenn sie nur wenig unbeständiger sind, als es für jenes Alter ohnehin zutrifft, sind die Folgen dauernden Shitkonsums kaum abzusehen. Das Seelenleben kann völlig durcheinander geraten. Im schlechteren Falle schränkt sich die Wahrnehmung ein, die Entwicklung der Gefühlswelt stockt und die Beziehungsfähigkeit hinkt hinterher. Von Verantwortungsgübernahme und Bewusstseinsentwicklung ganz zu schweigen. Mit zwanzig dann noch immer das Innenleben des Sechzehnjährigen. Tunnelblick. THC schiesst Löcher in die Hirne, frühsenile Vergesslichkeit inbegriffen, und die Träume versanden in abgestumpfter Gleichgültigkeit. Es bleibt noch die Phantasie zur Begründung des Konsums, die Gesellschaft ist schlecht und der Rest ist SHITEGAL.
(vgl. Eintrag 2. März 10 / Brückenschlag)

04.04.2010

Osterangsthasen

(Nachgedanken zu Noe 11)
Zuweilen sind wir von Fragen und Ängsten umstellt, welche die eigenen Grundfesten erbeben lassen. Ein "Ja" muss her oder ein "Nein". Dabei versuchen wir sachlich zu denken und stossen vor allem auf Gefühle. Wir wollen uns absichern und zaubern aus der einen grossen Frage hundert kleine. Die Grundsatzfrage aber bleibt und mit ihr liegt die Antwort in der Luft. Wir trauen nicht uns zu entscheiden, wollen etwas anderes hören, was zugleich heisst, dass es die Ahnung einer Antwort gibt. Nun könnten wir uns treiben lassen, bis die Frage sich von selbst erledigt. Ebenso liesse sie sich aus eigener Kraft anpacken und bewegen. Daran hindern uns die eigenen Gepflogenheiten, Vorstellungen, Bewegungsängste und Befürchtungen oder die Unabsehbarkeiten, obgleich wir derart Unabsehbares wie Kinder in die Welt zu setzen vermögen. Die innere Eingebung irrt sich selten. Wir haben nur verlernt, sie wahrzunehmen und in unser Denken einzubinden, was unser Lebensvertrauen schmälert. Jeder ist von seiner Grenze umgeben, fast vergleichbar mit dem Fluchtabstand der Tiere, kämpfen oder fliehen. Auf der Linie dieses Kreises zeigen sich Punkte, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie ziehen uns in ihren Bann oder stossen uns ab, erzeugen Unsicherheit. Genau hier liegen die Kerben, über welche sich der Kreis durchbrechen liesse. Hinter diesen verschlossenen Toren öffnen sich die Wege. Fürchte dich nicht vor der Angst. Ohne sie gäbe es keinen Mut.

03.04.2010

Noe 11 - Zwiebel(ge)schichten

Noe war nicht der Ratgeber, für den ihn viele hielten. Erfahren war er schon, da er viele Narben in sich trug. Er konnte frei vom eigenen Leben zuhören, gefächert und geschmeidig den erkannten Grundlinien des Gehörten folgen. Er sah auch, ob Körper und Mund eines Menschen zweierlei erzählten. Noe beobachtete viel und fragte wenig. Einmal schwieg er, ein andermal erzählte er von sich. Nicht um Mittelpunkt zu sein, nein, das mochte er nicht. Vielmehr wollte er in Bildern und indem er seine eigenen Fragen darlegte, Wege aufzeigen und dabei verhindern, dass der andere sich preisgeben musste. Manche sprachen Bände, während sie zuhörend schwiegen. Noe hoffte, sie würden hörend mehr über sich selbst erfahren, als wenn sie sprachen. Denn oft behandelten sie ihre eigenen Aussagen wie Luft. Stattdessen erwarteten sie Lösungen von anderen, so auch von ihm. Ausgerechnet er, der nur jene Pfade kannte, die auf sein eigenes Wesen zugeschnitten waren. Der Schlüssel lag doch in ihnen selbst und dort hatten nur sie Zugang, nicht er. Durch viele Gespräche hatte Noe gelernt, wie Menschen zwar verstanden, sich aber davor fürchteten, das Verstandene umzusetzen. Auf seinen steinigen Wegen wurde Noe beigebracht, dass er aus sich selber schöpfen konnte und musste. Seine Lehrerinnen hiessen "Achtsamkeit", "Beharrlichkeit" und "Geduld". Dort, in der Tiefe und Selbstverständlichkeit, fand er alles vor, was für sein Leben notwendig war. Diesen Schätzen schuf er Raum. Noe glaubte, dass jeder Mensch solche Keime in sich trug, viele aber sahen nur, was sie sehen wollten. Der Wirklichkeit schenkten sie keine Beachtung. Verdrängen und Verschweigen konnten Folge von Angst und Faulheit sein, oder ein persönliches Merkmal, vielleicht eine Pflicht und manchmal markierten sie das Recht auf Unversehrtheit.

01.04.2010

Gut gemeint überfahren

"Ich hab's doch nur gut gemeint". Alle kennen diesen Satz, haben ihn selber schon gesagt oder gehört. Er ist das Eingeständnis eines eigenen Irrtums und erzeugt bei allen Betroffenen zweischneidige Gefühle. Die Aussage versucht, den eigenen Fehler jemand anderem in die Schuhe zu schieben. Dieser antwortet unter dem Druck des Anstandes, da er mittelbar verpflichtet wird, für die Überheblichkeit des Gutmeinenden, Verständnis zu zeigen. Ein feines Spiel. Einer bestimmt, dass sich ein anderer an etwas zu freuen habe oder beschliesst jemandes Hilfsbedürftigkeit. Ohne jede Abklärung beginnt er mit der Umsetzung, handelt unaufgefordert für den anderen oder in dessen Namen. Glückspiel mit Gefühlen und Vorstellungen. Fehlgriff. Er hatte es gut gemeint. Nun muss er eingestehen, dass er sich mit seiner selbstbezogenen Sicht über den anderen Menschen erhoben hatte und ihn ohne Achtung überging. Die Wut des so Beschenkten ist berechtigt. "Ich habe es gut gemeint" ist ein Entschuldigungssatz. Demnach hat der Gutmeinende die Abgrenzungen des Beschenkten hinzunehmen, da sein eigenes Verhalten sie beide in die Patsche ritt. Meistens aber geschieht das Gegenteil: Der gut gemeint Beschenkte wird für seine Ablehnung der Hochmut bezichtigt, während der anmassend Gutmeinende getröstet wird. Ein feines Spiel, wahrhaftig, ein feines Spiel. Und es ist weit verbreitet.