19. Mai 2010
Noe 17 – Wörterei
Noe's Gang auf der Spur der Mönche war steinig. Er folgte seinen Empfindungen, die er nicht begründen konnte. Die Kirche hatte ihn als gebranntes Kind in die Wüste geschickt und sein inneres Begehren stand im vollendeten Gegensatz zu seinem Gesellschaftsbild. Noe war zerrissen, wie ein gebrochener Baum im Sturm, und was er nun wollte, erforderte seinen ganzen Mut. Wo konnte er beginnen? Vielleicht boten seine Augenblicke schweigenden Seins, welche er nun lange geübt hatte, einen Zugang zu dieser Welt, von der er so angezogen war. Also öffnete er dieses Tor. Dahinter erstreckte sich keine Weite, aber Berge von Texten und Gebeten verstellten den Weg. Noe ging davon aus, dass Gott weder Schreibzeug kannte, noch eine Druckerei besass und pflügte sich verärgert durch den Wust der Schriften. Schliesslich gelangte er zum Rosenkranzgebet, welches sich, dank seiner Einförmigkeit und Gesangesnähe, mit seinem schweigenden Innehalten gut verbinden liess. Dass sich Noe dabei an den Worten stiess, lag auf der Hand. Mit Respekt und doch ungehemmt begann er die Gebete neu zu schreiben, damit sie ihm vertretbar wurden und er so zu alten Zeilen neuen Zugang fand. Noe weigerte sich, dem Erzähler seine Aufzeichnungen mitzugeben. Denn nichts Neues war zu schöpfen, sondern Vorhandenes zu entdecken. Verglich man die eigene Lebenssicht vorurteilslos mit den alten Vorlagen, hielt sie diesen entweder stand oder nicht. Zugleich liess sich so die zeitgeistige Beliebigkeit verhindern, welche ihre Fragen nur nach den erwünschten Antworten stellte.