07.11.2011

Noe 22 - πάντα ῥεῖ

Wenn die Abende dunkler wurden und sternenklar, verlegte Noe zuweilen seine letzte Gebetszeit hinaus auf die Strasse. Leise murmelnd ging er im Schein der Leuchten den Weg hinauf zur Kirche, hinterher im Dunkeln weiter zum grossen Wegkreuz, an dem ein silberner Jesus im kalten Mondlicht schimmerte. Hier verweilte er für kurze Zeit und führte dann seine Schritte hinunter zur Hauptstrasse, wo er schliesslich begann, kreuz und quer zwischen den Häusern herumzuziehen, gerade so wie ihm zumute war. In so manchem kannte er Menschen, einige nur flüchtig, andere besser und er verband sich mit ihnen, als er nun vor ihren Fenstern stand. Bilder glitten durch seine Gedanken, er fühlte Stimmungen, roch die Räume und gelebte Augenblicke kehrten zurück. Mochte aus einem Haus das bleiche Flackern eines Bildschirm‘s dringen, so fand sich andernorts am Küchentisch eine vertraute Runde, von der er nur die Köpfe oder Schatten sah. Wieder andere waren in ihren Zimmern, im Schein der kleinen Lampen, für sich allein beschäftigt, geschützt von grossen Dächern und warmen Öfen. Dieses Wandern der Gedanken von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch, war Noe eigen seit er denken konnte. Besonders liebte er seine betenden Gänge der Verbundenheit durch das stille, warm eingewickelte Abendleben seines Dorfes. Auch wenn er sich tagsüber von einigen dieser Menschen belästigt fühlte, an solchen Abenden mochte er sie alle und in vielfältiger Weise. Jetzt konnte er sie ausserhalb der Rollen sehen, wie Künstler nach dem Auftritt, die abgespannt und erleichtert waren, die tägliche Darbietung nun hinter sich zu haben. Noe schritt jeweils verschämt voran, denn er wollte sie und sich nicht stören.
( πάντα ῥεῖ : panta rei - Heraklit )

25.08.2011

"Esoterik" im Reigen der Himmelsgeigen

In den “neuen“ geistigen Aufbrüchen suchen die Menschen nicht wirklich Antworten, sondern die Bestätigung ihrer eigenen Weltsicht. Darum stellen sie oft die falschen Fragen. Ist es etwa „neu“, wenn uns jede Schindluderei Verzückung beschert und brutale Selbstzer- fleischung mehr Erkenntnis verspricht, als das bisher Vertraute? Weshalb die Verklärung „alten Wissens“ ohne den Blick auf Geschichte und Kritik? Und wohin hat sich das freie, hinterfragende Denken verkrümelt, die Fähigkeit zur Abgrenzung? Punkt für Punkt werden Fehler aufgefrischt, die seit jeher die überlieferten Religionsbücher durchziehen. Im Namen des „Neuen“ verwirft man die alten Kirchen, um sie sogleich  neu zu „erfinden“, samt lehrerhaftem Wahrheitsanspruch, Heilsversprechen und eisigen Sühne-Mustern. Wieder verkünden anmassende Menschen, was denn das „Göttliche“ sei, verkaufen gefühlsgedachte, mittelalterliche Halbgedanken als „ganzheitlich“, mutig und bahnbrechend. Als hätte es die Aufklärung im 18. Jahrhundert nie gegeben, wird Vergangenes zur Zukunft erhoben und so zur Fratze der Mutlosigkeit. Wie einst im Ablasshandel der Kirchen, verkommt die Gnade zu einem herstell- baren Verbrauchsartikel, wo Wunschdenken die Wahrnehmung verstellt. Bloss weg von den gewachsenen Wurzeln, nach denen das „Neue“ keinesfalls riechen darf. So gehen Bezugspunkte verloren, die zur Prüfung der eigenen Schritte notwendig wären, um nicht in Wahn, Ruin und Abhängigkeit zu geraten. Derweil räumt keiner die gestandenen Kirchen auf, niemand wirft die Händler aus dem Tempel. Die „Neuen Spirituellen“ sind dafür zu bequem und ihrem zeitgeistigen Sturzbachverstand fehlt die Fähigkeit, die Gedanken ohne Rührseligkeit zu Ende zu denken. Lieber rasen sie selbsthei- lungsverloren, erlebnisgeil und rosinenpickend durch die Glaubens- und Kulturgüter anderer  Völker. Lechzend nach Geist und ausge- stattet mit einer Kreditkarte, jagen sie dem „Wissen" und seinen schillernden Propheten hinterher, um sich in fetter  Feinfühligkeit zu suhlen, die sich eitel um die eigene Lebensachse lullt. Ein dekadentes Affentheater konsumversessener Neu-Hippies, auf der Flucht vor der eigenen Lebensangst; schnurstracks hin zum alten Kitsch, dem Hokuspokus der Plapperseelen, die sich selber feiern und „Uneingeweihte“ für gefühlskalt und einfältig halten, obwohl diese nur weniger anfällig sind auf Firlefanz und Schmalz. Neues Zeitalter? Nein. Alter Kleingeist, miefig neu vergittert.

13.08.2011

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Krawalle in den Städten Englands, Feuer haben sie gelegt und Geschäfte geplündert. Entfesselte Jugendliche ohne Zukunfts- aussicht wüteten blind und trotzdem aus berechtigtem Zorn. Wer so erwachsen sei, dies zu tun, verkündete der Premierminister, habe keine Wertvorstellungen und sei auch erwachsen genug, um entspre- chend hart bestraft zu werden. Warum werden dann er und seine Schmarotzerbrüder in den Geldfabriken oder auf dem politischen Parkett nicht auch bestraft? Auf Kosten von Abermillionen Menschen fechten sie ihren Kampf um Macht und Reichtum, treiben ihre Drecksgeschäfte, verhökern die Zukunft anderer Menschen, legen Feuer an die Märkte und plündern sie aus. Können derart entgeisterte Seelenkrüppel den Jungen als Vorbild dienen? Nein, denn sie sind abschreckende Scheuchen, die mit ihren Wertvorstellungen Angst, Verzweiflung, Leid und Tod verbreiten.

05.08.2011

Götterei zwei

Was bin ich in diesem Riesenspektakel? Die Forscher schätzen die Anzahl der Sonnen und Sonnensysteme in unserer Galaxis, der „Milchstrasse“, auf etwa 300 Milliarden. Diese Galaxis teilt den Kosmos mit anderen 100 Milliarden Galaxien. Nicht genug, reift die Erkennntis, dass mehrere Universen nebeneinander liegen, die sich in einem übergeordneten Raum bewegen müssen, der möglicherweise auch nicht alleine steht. In einigen Jahrmilliarden soll das Ganze zusammenkrachen und Neues entstehen. Ist all dies Wirklichkeit oder Einbildung? Raum definiert sich über seine Beschränkung und Endlosigkeit können wir nicht fassen. Treffe ich deshalb ständig auf Menschen, die mich in beispielloser Arroganz belehren, wer oder was Gott sei? Denkpause. Sollte ich vielleicht aufhören, nach dem Sinn zu fragen und ihn statt dessen selber stiften?

Götterei eins

Gibt es Gott? Ob ja oder nein, keine Antwort ist beweisbar. Gäbe es ihn nicht, bräuchten wir keine Fragen mehr zu stellen. Gingen wir davon aus, Gott lebte auch nur in weitestem Sinne, dann müsste er unsere Erkenntnisfähigkeit übersteigen. Beides können wir nicht wissen, aber glauben. Der Glaube an eine göttliche Existenz schafft mehr Aussichten als die gegenteilige Annahme. Denn ob es Gott gibt oder nicht, die Suche nach ihm erweitert die Geisteswelt, öffnet Raum und Zeit weit über das selbstversicherte „Ich“ hinaus. Gott-sucher leben von den Fragen, der Weg ist ihr Ziel. Das erfordert Gegenwärtigkeit jetzt und nicht irgendwann. Das Unbedingte zeigt sich geradewegs im Zeitpunkt, den wir soeben erfahren. Über einen anderen Blick verfügen wir nicht. Göttliches Wirken wäre demnach mit geschärfter Wahrnehmung im Alltag zu erkennen, in Begeben- heiten, Begegnungen, innerer Stille und allenfalls in Ritualen, die helfen können, die Leere zu bereiten: Den Raum für die Berührung. Da dem Menschen meist die eigenen Entwürfe im Wege stehen, müssen wir den Blick nach aussen frei räumen. Damit wird sich schwer tun, wer  zuviel nach sich selber fragt und sich als Mitte seines  Lebens sieht. Wer aber lernt, sich als ein Teil des Ganzen zu verstehen, entdeckt ein Wirken und Gewebe, welches mit eigenen Wünschen nicht zu erreichen wäre. Sich diesem hinzugeben, verbindet das persönliche Dasein mit dem umfassenden Leben ringsum. Da hinein sich auszuliefern, fallen zu lassen, ist das eine, persönliche Einschränkung und weniger Bedürfnisse zu haben, das andere. In unseren Gegenden sind die meisten Bedürfnisse Trug- bilder, die wir nicht hätten, wenn wir zufrieden in uns selber wohnen könnten. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“: Meist scheitert der Pfad zum Wesentlichen an der eigenen Disziplin. Sie sollte nicht äusserlich auferlegt sein, sondern dem Sehnen nach verbindlichem Leben entspringen, das den unsteten Zeitgeist in der Absicht umgeht, sich dem inneren Frieden anzunähern. Solchen Menschen öffnet der Geist die Bereitschaft sich zu verschenken, dem selbstverliebten Treiben entfliehen und dem alles überspannenden Ganzen dienen zu wollen. Das geschieht in einer Entscheidungs- freiheit, die aus tiefstem Herzen rührt. Der schmale Weg dahin ist nicht markiert, das Vertrauen in dich selbst und in den einen Fluss des Lebens, dem du zugehörst, wird dich führen.

02.08.2011

Die weltweite Stammtischrunde

Geschieht etwas Grosses und es fehlt die Erklärung, dann schiessen Verschwörungstheorien ins Kraut, die manchmal fast zu Religionen werden. Unbewiesen allesamt, blubbern sie durch die Geschichte der Menschheit. Die Gerüchteküche brodelt, hilfreiche Bücher werden geschrieben und Filme gedreht, die in 90 Minuten die Welt erklären. Abermillionen werden zu Geheimnisträgern, fühlen sich nun wissend und bedeutend. Könnte nicht hinter den Verschwörungstheorien die eigentliche Verschwörung stecken, mit der Absicht die Massen zu manipulieren oder damit Geld zu verdienen? Keiner fragt und so schliesst sich der Kreis der Flüsterer und ihrer Andächtigen: Die Wahrheit wird zur Hure und die Wirklichkeit vernebelt.

11.07.2011

Eile mit Weile

Er flog in die heile Welt
aus Sehnsucht nach Heimat.
Befreiung von der Angst.
Jesus zum Kissen, Gott als Schemel,
Glaubenswahrheit statt Geist.
Dann der Absturz
in die Schluchten des Lebens.
Zerronnen der Traum,
dunkel vernebelt das Herz.
Lichtlose Heimfahrt
in die Vergangenheit.
Misslungene Flucht.

04.07.2011

Noe 21 – ménage à trois

Noe erlaubte sich keine Erwartung, wohl aber Hoffnung. An jenem Tag war ein Strahl der Zukunft erloschen. Niedergeschlagen und gedankenschwer befand er sich auf dem Weg, einem jungen Gast entgegen, von dem er wenig wusste. Er traf Ives mitten im Dorf, wach, scheu, wie zwei neugierige Tiger gingen sie aufeinander zu. Als der Bann gebrochen war, führte sie Ives auf die Pfade seines Lebens und Noe legte das Seine daneben. Distanz und Nähe lösten sich ab, sie erzählten sich Geschichten, wagten Blicke in den Abgrund, dann hinauf in die Sehnsucht und lebten Wirklichkeit. Noe schien es, als ob er seinen Gast schon lange Jahre kannte und ihm nun endlich begegnet war. Weder Erwartungen noch Wünsche trübten das Zwiegespräch und keine verliebten Spiele. Noe hörte sich Dinge sagen, die er sonst verschwieg, denn Ives enthüllte in ihm vergessene Gefühle und holte schlummerndes Wissen in seine Gedanken zurück. Gemeinsam gossen sie grenzenloses Vertrauen und Achtsamkeit in diese Stunden beider Leben, gefesselt von den schimmernden Augenpaaren, deren Blicke sich manchmal ineinander verloren. Wie ein Blitz aus dem Nichts war alles da. Einfach da. Zwei Ritter entledigten sich ihrer Rüstung und lieferten sich aus wie Mönche. In diesem Augenblick ohne Geschichte und Zukunft erfasste die anschwellende Flut von Empfindungen und Gedanken alle Fasern des Seins, spülte die Kategorien hinweg, schuf dem Namenlosen den leergefüllten Raum, in dem Leben und Tod befreundet waren. Als Ives nach zwei Tagen gegangen war, fühlte sich Noe wie halbiert. Zwar rieb er sich die Augen, doch die Schwermut des Vortages kehrte nicht mehr zurück. Noe fühlte sich reich beschenkt. Ives und er waren beide jung und alt zugleich, waren einander Vater, Sohn, Bruder und Freund gewesen im selben Atemzug. Und sie waren umfangen von der Berührung durch das Unbedingte, welches sie mehr miteinander vereinte, als alles andere sie verbinden konnte.

19.04.2011

Noe 20 - Erwarten, Wollen, Lassen

Der junge David und Noe sprachen über Staatskunst, Frauen, Männer, Liebesfragen, Philosophie, Wissenschaft, Religion, anderes mehr und über den Glauben. Dabei dachte Noe an seine Begegnungen mit jenen bescheidenen Mönchen und Nonnen, die ihren Glauben völlig ungezwungen und natürlich zu leben wussten. Für sie waren die Wellen des Lebens der Ausdruck göttlichen Wirkens, sich diesem auszuliefern, hatten sie in jungen Jahren beschworen. Dabei legten sie ihr Hände keineswegs in den Schoss und fanden sich überall zurecht. Sie lernten Umstände und Zeichen zu lesen, um dann ohne Aufregung das zu tun, was der Lebensfluss erforderte. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Menschen wiesen die Wirren des Alltags in die Schranken, indem sie ihren Lebensgrund jenseits der Erkenntnis wussten und ausserhalb der menschlichen Geschäftigkeit. Sie verfügten über eine entwaffnende Art, sich der inneren und äusseren Wirklichkeit zu ergeben, ohne sich von ihr beirren zu lassen. Aus ihren Erfahrungen vermochten sie tiefe, einfache Schlüsse zu ziehen und diese unverfälscht anderen weiter zu schenken. So unscheinbar wie ihr Leben und ihr Erlöschen, war auch die Lücke, die sie im lauten Treiben hinterliessen. Dennoch hatten sie unauslöschliche Zeichen in jene Herzen gebrannt, deren Puls so leise und doch kraftvoll wie der ihre war.

07.04.2011

Aufbegehren!

Es gilt als Zeichen der Tugend, wenn ein Mensch persönlich erfahrenes Unrecht einstecken kann.Ich halte dagegen, dass diese Auffassung das Unrecht wachsen lässt und zu gebrochenen Untertanen führt. Sich gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen, gehört zum Fundament der menschlichen Würde. Zwar ist hehres Heldentum oft nicht der beste Weg, aber noch weniger ist es die verbreitete Waschlappigkeit mit ihrem Rückzug auf die kleine, eigene Welt. Das Thema ist alt, wie der kleine Text des deutschen Theologen Emil Niemöller zeigt:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

05.04.2011

Tonbildschau(er)

Alle paar Jahre wieder diese stürmische Musik voller Melancholie, klagend und tröstend erzählender Violinen, von rasend schnellen Pianoläufen umspült. Gefühle eines Lebens verdichtet auf Minuten und befreit.
Nun taucht es auf, das Bild des Knaben vor 50 Jahren, der sich bäuchlings auf seine Liege schmiss, das Gesicht vergrub in seinen Händen, sich hörend aufzulösen schien, aus sich selber trat, um von aussen zu betrachten, wie grenzenlos sich seine Seele in den Klängen verlief.

Leise betritt der Freund den grossen Raum, versteht den Augenblick verträumter Geistesreise, vernimmt die Melodien, hört den aufgewühlten 60jährigen sagen, dass dies die Musik seiner Kindheit sei - und dann: „Es ist eine unermessliches Geschenk, dass solche Klänge in den Bildern meiner Jugend wohnen.“
Franz Liszt, Konzert für Klavier & Orchester Nr. 2 – Allegro moderato

03.04.2011

Noe 19 - Christ und keines von beiden

Nicht der Glaube führte Noe in das christliche Mönchtum, aber seine jugendliche Prägung und die kulturellen Grundlagen. Obwohl herangewachsen in der Welt des eigenständigen Denkens, wo das Christentum nur Vergleichsgrösse war, niemals eine Vorgabe, entzündete sich im kleinen Noe die Liebe zu den Ritualen, Symbolen, dem Weihrauch, der Musik, kurz, zur Sinnlichkeit der Gottesdienste. Die religiösen Inhalte lehnte er fast alle ab. Dieser Gegensatz wurde Noe zum Schlachtfeld und die Kirche, durch seine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr, zur Heimat. Für Noe war „Heimat“ eine innere Welt, kein Lebensort. Der hörigen Herde mit ihren Hirten ging er aus dem Wege, ihrem Geplapper entzog er sich. Gottes Unfassbarkeit in Bilder und Ordnungen zu zwängen, lehnte er ab. Die Verkündigung der „Wahrheit“ empfand er als Anmassung der Religiösen, denn diese kannten sie so wenig wie er. Noe verwarf alle Heilsversprechen, nutzte aber die alten Symbole für seine Seelenkultur, machte sie zum fassbaren Werkzeug, mit dem er sich dem unfassbaren Ziel seines fragenden Lebens nähern konnte. Die Theologie verblasste zugunsten der Philosophie und die Quantenphysik schuf sich Raum in seinem Denken. Deren Fragen nach Ursache und Bewegung standen ihm näher als jene nach einem mächtigen, liebenden, strafenden Gott mit seinen allzumenschlichen Zügen. Kein „Amen“ aus Noes Mund: Er wusste NICHTS, blieb in seiner ewigen Schleife, in der Gott keine Antwort war und eine Frage blieb, auch dann, wenn Noe gelegentlich in alter Manier den dreieinigen Gott mit allen seinen Heiligen zu Hilfe rief …


02.04.2011

Wennundaberleier

WENN ich dies und das schon hätte oder wäre, zudem wüsste, was ich meistern würde, andere mich dabei unterstützten und ich ein klares Bild der Zukunft sähe, mehr Möglichkeiten zur Verfügung stünden, ich zuverlässig nichts verlieren und verpassen könnte, wenn mir der Beifall der Umgebung sicher bliebe und alle Aussichten zu meinen Gunsten stünden ... ja dann, dann würde ich …
ABER nun alles ändern kann ich nicht, will jetzt Aufgeschobenes erledigen, meine Schritte langsam planen, mich von den Dingen sachte lösen, Freiheit, Geld und Sicherheit bewahren, möchte Haus und Arbeit nicht verlieren, vorerst mir selbst vertrauen, statt dem Leben, meine Jugend voll geniessen und mich selber finden ... danach, ja, danach lass' ich
mich ein.

Manche leiern lebenslänglich dieses Lied und stecken in Entwürfen fest. Erfahrung holst du nur mit Aufbruch und Verzicht. Wäge ab soviel du willst, hundertfach und mehr, die Zunge an der Waage bist du selbst, mit deinem „Ja“ und „Nein“ zum nächsten Schritt.

25.03.2011

Noe 18 - Sicherscheitgestolper

Der junge Mann dachte viel und hatte gescheite Fragen. Diesmal meinte er augenzwinkernd, dass er „sicherheitsbehindert“ sei. Ja, die Sucht nach Sicherheit konnte Leben ersticken, das wusste Noe. Sie vermochte den Blick derart zu trüben, dass jeder Bezug zur Wirklichkeit verlorenging. Aus der Angst entstand die Forderung nach einem Leben ohne Gefahr, obwohl es dieses nicht gab. Mit den sich türmenden Jahren seines Lebens, nistete sich auch bei Noe das Bedürfnis nach Sicherheit ein. Je mehr nun diese wuchs, um so abgründiger wurde die Furcht davor, sie zu verlieren. War das die Folge der erfolgsabhängigen Beifallsgesellschaft der Einzeltänzer, in der er lebte und bei deren Zahlenhörigkeit die Liebe und das Zusammenstehen in sich zusammensackten?
Noe verstörte es, wenn die Sicherheitsbedürfnisse das Leben junger Menschen abzuwürgen drohten. Er selber war damals unbekümmert, wechselte ohne Zögern das Haus, den Ort, stellte bedenkenlos innert Stunden sein Leben völlig auf den Kopf und dabei hatte er keine Ahnung, was seinen Schritten folgen würde. Manchmal geschah dies aus schlichtem Trotz gegenüber dem „Lauf der Dinge“. Noe liebte Aufbrüche und überging die Abschiede. Trieb ihn das Unbehagen vor sich her, schwamm er zu neuen Ufern, liess die alten Küsten hinter sich, lieferte sich aus mit Freude und Schmerz. Er wurde von einem tiefen Lebensvertrauen getragen, was er allerdings nicht wusste, jedoch zu spüren schien. Und wenn er den Gefühlen der Angst verfiel, konnte er darin nur kämpfen oder fliehen. Von lauen Zwischentönen hielt er nichts. Er schlug sich durch die Angst, um hinter ihr den Mut zu finden. Dann erkundete er wach und wissensdurstig den neu erschlossenen Raum. Noe war deshalb für die kleinen Spiele nie zu haben, lieber spielte er mit seinem Leben.

08.03.2011

Schwärmerei im Löwenkäfig

Einer hatte sich unter dem Titel "Menschlichkeit" dem „Guten“ verschrieben, einem Entwurf aus fremden Quellen und er lebte ihn mit Nachdruck. So konnte es geschehen, dass jene, denen er seine beschwörende Liebe schenkte, sich bemüssigt fühlten, neu und anders lieben zu müssen. Die Liebe wurde erniedrigt zur Forderung, das "Gute" geriet zur Gewissenskeule und freie Gefühle erstickten im "gütigen" Zwang. So einseitig geht das nicht. „Menschlichkeit“ umfasst alles, was uns eigen ist, auch die Schattenseiten und den steilen Grat zwischen "Gut" und "Böse"? Unvergessen, wie vor Jahrzehnten ein Lied von Konstantin Wecker meine Mitte traf:
… Ich möchte etwas bleibend Böses machen
will in die Schluchten meiner Seele ziehn.
Das ganze Leben ist doch nur Erwachen
 aus bösen Träumen. Und ich will nicht fliehn. …
Dies‘ zu hören, war erlösend und befreite davon, immer nur „gut“ sein zu müssen.
Und nun, fast 40 Jahre später? "Gut" und "Böse" sind Eckpunkte eines Gesellschaftsvertrages. Jederzeit kann er hinfällig, aufgelöst oder missbraucht werden. Seine Begriffsinhalte ändern sich mit den Generationen, dem Zeitgeist, den Machtgelüsten und Bedürfnissen. In diesen Wellen verlieren sich Recht und Unrecht gleichermassen, wie “Gut“ und „Böse“ sich verschieben. Dabei kann jeder Opfer werden oder Täter und die Gewalt der Volksmehrheit so vernichtend sein, wie die eines Tyrannen. Nichts führt mehr zu Krieg und Elend, als die Meinungen über das "Gute" und der Wahn, im Besitze der "Wahrheit" zu sein.

14.02.2011

Erleuchtung ...

… wollen sie so schnell wie möglich haben, die jungen Männer, mit denen ich gerade chatte. Sie sind so um die 30, halten „Erleuchtung“ für „machbar“, bestellen "Gottes Wirken" nach ihrem Gutdünken, kämpfen sich gewissenhaft durch Geistesregionen, in denen es nichts zu kämpfen gibt. Danach können sie alles begründen, glauben verstanden zu haben und erkennen nicht, dass sie kaum am Anfang erst einer einzigen Erkenntnis stehen. Jetzt müsste die Suche beginnen. Statt dessen verwechseln sie den Allerwelts-Geistesblitz mit Weisheit, streichen sie heraus und wandern damit von Tür zu Tür. Sieh‘ her! Erfolg, Erfolg! Daneben steht, leise lächelnd, in fast unsichtbar feinstes Tuch gehüllt, wie ein Hauch der Leere, der Geist der Erkenntnis und - schweigt.
"Wahrheit" die so stürmisch wächst, hält der Wirklichkeit nicht stand. Diese aber wäre der Garten für das Wachstum einer tragenden Spiritualität und etwas Bescheidenheit dessen Eingangstor. Gärtner werden!

02.01.2011

Rauchen in Spanien

Jahresrückblicke. Da werden die Rauchverbote verschärft. Am Schluss des Artikels lese ich den Hinweis, dass in Spanien jährlich 53.000 Menschen an den Folgen des Rauchens sterben. Ich bin natürlich tief beeindruckt, frage mich aber doch, warum ich nie eine Erhebung darüber gesehen habe, wieviele Menschen an den Folgen des Lebens sterben.
Augenwischerei einer verängstigten Zivilisation?

Oder anders:
Nun haben wir den Weihnachtsrummel hinter uns. Keiner wollte ihn und jeder ging hin. Dann zwei obligatorische Abende freudig-melancholisch-rühriger An- und Abwesenheiten. Es folgten Zwischentage, die zu füllen waren und danach erging das Gebot der Fröhlichkeit zum Jahresende. Streng war es, irgendwie, verfressen, manchmal langweilig und öfters konfliktgeladen, trotz dem Streben nach Harmonie.
Diese Zeit liegt jetzt hinter uns. Sie hat wenig verändert: Eine Eins vergrösserte die Zahl 2010 auf 2011.
"Guets Neus" - und jetzt?