25.08.2010

Deal or No Deal

Wir lügen, betrügen, denken an unseren Vorteil zuerst, sind Verräter und können über Leichen gehen. Wir handeln gegen eigene Erkenntnisse und Gedanken, verkehren Liebe zu Forderungen des Gebens und Nehmens, erpressen und belehren einander, sind gierig, eifersüchtig, wollen Dinge und Menschen besitzen, tragen Masken, um uns und anderen zu gefallen. Wir haben Angst vor der Eigenständigkeit, übertünchen aber freiheitssüchtig die Grenzen des Seins, leben Trotz und Eitelkeit, fürchten uns vor dem Tod in allen Belangen, wo Kommen und Gehen sich zeigt – denn dann wird entkleidet, was kunstvoll verhüllt einher zu stelzen pflegt. Wir haben Angst vor dem Leben, wissen nicht, worauf es gründet, versuchen das zu sein, was wir wollen und was wir wollen, ist meist nicht das, was wir wären. Können wir so lieben? Und wenn ja, wen oder was genau? Vielleicht liegt hier die Wurzel dieser vertrackten "Urschuld", die uns immer wieder durch die Seele schiesst. Besteht nun die Kunst darin, herauszufinden, wie in diesem Desaster der Würde, verbogener Inhalte und erstickender Hoffnung ein neuer Plan, gegenseitiger Respekt, Vertrauen und eine sinnvolle Zukunft zu finden wäre?

25.05.2010

Jesus im Kaninchenstall

Jesus von Nazareth war nicht von gestern. Er suchte Auswege und Fortschritt. Sonst wäre ihm keiner gefolgt. Franz von Assisi hätte keine Freunde gefunden, ohne seinen Blick nach vorne. Aus der Glut ihrer Leidenschaft verbrannten sie für ihre Werte und setzten sich über die Regeln hinweg.
Warum sträuben sich Christen gegen den Fortschritt und behaupten, damit in der Nachfolge Christi zu stehen? Wer diese Nachfolge antritt, muss aufbrechen und loslassen. Unsere Heilsverwalter aber kleben an Überlieferungen, sind meist eingesperrt in geschlossene Gedankenräume und Rangordnungen. Wohlgenährte, angstgelähmte Krämerseelen, die sich in ihrer Gesetzeskirche gegenseitig ihre Richtigkeit beteuern. Im Elfenbeinturm wird festgeschrieben, was nicht festzuhalten ist. Unter der Decke feierlicher Gemeinschaftsseligkeit wuchsen Glaubenswahrheit, Schuld und Sühne, Verkündigungsauftrag, Drangsalierung des Gewissens und gerade soviel Feigheit wie Berechnung. Diese Verwalterseelen haben das Feuer längst verloren und umkreisen ihre Fahnenstangen. Abgesicherte Kleinbürgerlichkeit im Grossformat. Was soll daran christlich sein? Ausser der Fahne - nichts. Gefragt wäre das Weitertragen der Glut und nicht die Anbetung der Asche.

19.05.2010

Noe 17 – Wörterei

Noe's Gang auf der Spur der Mönche war steinig. Er folgte seinen Empfindungen, die er nicht begründen konnte. Die Kirche hatte ihn als gebranntes Kind in die Wüste geschickt und sein inneres Begehren stand im vollendeten Gegensatz zu seinem Gesellschaftsbild. Noe war zerrissen, wie ein gebrochener Baum im Sturm, und was er nun wollte, erforderte seinen ganzen Mut. Wo konnte er beginnen? Vielleicht boten seine Augenblicke schweigenden Seins, welche er nun lange geübt hatte, einen Zugang zu dieser Welt, von der er so angezogen war. Also öffnete er dieses Tor. Dahinter erstreckte sich keine Weite, aber Berge von Texten und Gebeten verstellten den Weg. Noe ging davon aus, dass Gott weder Schreibzeug kannte, noch eine Druckerei besass und pflügte sich verärgert durch den Wust der Schriften. Schliesslich gelangte er zum Rosenkranzgebet, welches sich, dank seiner Einförmigkeit und Gesangesnähe, mit seinem schweigenden Innehalten gut verbinden liess. Dass sich Noe dabei an den Worten stiess, lag auf der Hand. Mit Respekt und doch ungehemmt begann er die Gebete neu zu schreiben, damit sie ihm vertretbar wurden und er so zu alten Zeilen neuen Zugang fand. Er entdeckte, dass es nicht Neues zu schöpfen galt, sondern Vorhandenes neu zu denken. Im Vergleich seiner Lebenssicht mit alten Quellen zeigte sich, ob das Neue bestehen konnte oder nicht. Damit liess sich die zeitgeistige Beliebigkeit verhindern, welche ihre Fragen nur nach den erwünschten Antworten stellte.

18.05.2010

Noe 16 - Zwischenträume

"Ich glaube an nichts", hörte Noe häufig. Er pflegte dann zu fragen, was hundert Franken seien und erhielt billige Antworten. Eine Banknote hatte ja keinen Wert und war Eigentum der Nationalbank. Sie war der Ausweis des Glaubens, dass jemand auf dieser Welt bereit war, für ein lächerliches Stück Papier eine Gegenleistung zu erbringen. Und die Liebe? Bestand sie nicht ausschliesslich aus Absicht und Glauben? Allen voran jene Liebe, die wir tief in unseren Herzen trugen, die Sehnsucht nach dem Vollkommenen und der Geborgenheit? War sie nicht ein Traum, baute auf Hoffnung, wurde mit Erwartungen überladen und zerbrach oft lange bevor sie wirklich trug? Wenn Noe etwas glaubte, ordnete er seine Fragen und begab sich auf den Weg. Oder er hielt ein, um zu betrachten, was um ihn und in ihm selbst geschah. Neidlos konnte er den Atheisten zugestehen, dass sie eine schlüssige Antwort besassen, die jedoch so wenig zu beweisen war, wie der Inhalt der Leere, nach dem Noe suchte. Die Bandbreite dieser Unvereinbarkeit nährte Noe's Neugier und liess ihn nicht mehr los.

Seelenfressen

Langsam legt sich Nebel auf die Seele, ertrinkend droht sie zu verdursten, du verschliesst die Augen, hoffst auf Licht, erkennst die Dinge und willst sie nicht.

05.05.2010

Ebbe und Flachland

Wenn wir seine Bücklinge loben, statt den Mut zum eigenen Weg, seine Ritterlichkeit belächeln, derweil wir selber mutlos sind, seine Träume in Grund und Boden reden, ihn an unserem langen Leben messen, seine Eigenständigkeit verhöhnen, ihn sanft erpressen und verwöhnen, alles zu verstehen meinen und selber nur nach Sorgenfreiheit dürsten … was, bitte, soll ein junger Mensch schon tun, wenn da wo er lebt, jede Aufbruchstimmung fehlt.

29.04.2010

1. Mai - (m)Ein Land wird sauber

Nun sind wir auch hier so weit: Rauchverbot in den Gaststuben. Die Staatskünstler handeln erstaunlich schnell, wenn sie damit auf die Bühne gelangen und Mehrheiten hinter sich scharen können. Weniger erstaunlich ist es, dafür umso erschreckender, wie schnell diese Mehrheiten sich nach dem Winde drehen und dabei Grundsätze der Freiheit, wie gegenseitige Grosszügigkeit, Verständigung und persönliche Lebensführung, in die Hölle pusten. Unsere Gesellschaft ersäuft sich im Mief des kleinen Mannes, der andere verurteilen muss, um nicht die Achtung vor sich selber zu verlieren. Die Abenddämmerung in den Mehrheitsköpfen achtet nicht auf Minderheiten. Auf Kameraden, es gibt zu tun, jagt die Dicken, die Schräggeher, die falschen Rentner, die Ausländer, baut die Lebensmittel zu Heilmitteln um, merzt alle irgendwie Süchtigen aus, sperrt weg, was euch Angst macht und rutscht auf den Knien dem Gesundheitstraum entlang und der Konsumsucht hinterher. Um die wirklichen Fragen dieser Welt kümmern wir uns später, vorerst lasst uns lustvoll unterwürfig jede neue Fessel tragen. Die Hasenfüsse mit ihren Wohlstandsproblemen bemerken dann zu spät, dass die Enge drückt, die staatliche Bevormundung unerbittlich wächst und die Krankheiten weiter zunehmen. Wen sollen sie dann verdammen?
Sie werden neue Feinde finden, dessen bin ich mir gewiss.

27.04.2010

Noe 15 - Seba der Bauer

Wo Seba lebte, lernten junge Männer anständige Berufe, drückten sich nicht vor dem Militärdienst, trugen einfache Namen nach den Bräuchen der Familie und fast jeder war früher Messdiener. Eines Mittags stand Seba jenseits der Mauer bei der Kapelle und Noe diesseits im Garten seines Hauses. Seba war von hohem Wuchs, etwa zwanzig Jahre alt, schlank, ein Blondschopf mit offenen Augen und hatte starke aber feine Hände. Er habe früher, so erzählte er, einmal den Gedanken gehabt, vielleicht Priester oder etwas in diese Richtung zu werden. Dieses Leben und die Arbeit mit den Menschen hätten ihn angezogen. Er wäre wohl zu dumm gewesen für diesen Weg, beschloss er seine Worte. Diese unverblümte Aussage schien so selbstverständlich, dass sich Noe für Seba gegen dessen eigenes Urteil auflehnte. Lange Zeit danach, hob Seba mit dem Gabelstapler ein grosses Eisen-Kunstwerk über den hohen Zaun um Noes Garten. Dieser verfolgte gebannt, wie wachsam Seba die haarfeinen Bewegungen vollführte. Ein andermal schleppten sie gemeinsam eine schwere Kiste vom Dachboden nach unten. Darin lag die frühere Madonna aus der Kapelle, die vor Jahren einer restaurierten Muttergottes weichen musste. Seba hatte sie noch nie gesehen. Einmal mehr sah Noe diese Aufmerksamkeit und fühlte Seba's leisestolze Ehrfurcht vor dem alten Standbild. Denn es barg in sich das eingehauchte Leben seiner Vorfahren, die alle ihre Freuden und Leiden davor niederlegten. Als für Seba die Zeit der Meisterprüfung kam, schrieben sie zusammen an seiner dicken Schlussarbeit. Immer wenn Noe zu einem Satz anhob, hängte Seba in dessen Mitte ein und vollendete ihn. Dabei versprühte er ein Wissen, welches Noe betreten verstummen liess. Er war schon aus den Bergen ins flache Land gezogen, als Seba ihn besuchte. Ganz am Rande erwähnte Noe, dass er nicht wusste, wo er sein Alter verbringen würde. Seba entgegnete ihm, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, die Häuser bei ihnen wären gross genug. Inzwischen hatte Seba seine Frau gefunden, von den Eltern den Hof übernommen und war Vater geworden. Und Noe wusste um einen verschwiegenen Freund, der zu gescheit war, um gescheit daher zu traben. Er hatte von Seba weit mehr gelernt, als jener von ihm erhalten hatte und Noe wusste nun, was "Heimat" war.
(Seba hiess in Wirklichkeit anders)

21.04.2010

Trip und Flucht

(Gesprächsnotiz)
Ich kenne all' dieses Zeugs seit 45 Jahren. Was habe ich mir schon angehört, wie LSD und andere Mittel das Bewusstsein erweitern würden. Bisher traf ich niemanden, auf den diese Aussage zutraf. Eher verschob sich die enge Sicht woanders hin und wurde dort noch schmaler. Schon vor Urzeiten hätten sich Naturvölker auf diese Weise berauscht, erfuhr ich dann. Blödsinn. Die lebten in völlig anderen Kultur- und Zeitumständen, in denen sie ihre Menschen unter Anleitung und mit langen Ritualen auf eine Seelenreise führten. Nach einem oft wochenlangen Prozess konnte der Schluss der Reise aus einem Drogenerlebnis bestehen. Wir Zeitgeistmenschen wollen in billiger Anbiederung diesen tiefgreifenden Vorgang nun ersetzen, in dem wir in die Sonne blinzeln, uns naturnah schwatzen ohne es zu sein, Musik unterlegen und einen Trip schmeissen. Das Bild spricht Bände, womöglich sind wir auch noch mit dem Auto hingefahren. Die Indianer rundeten eine Sicht, die sie lebten. Wir aber schlucken unser Ding und kehren danach zur alten Bezugslosigkeit zurück. Die meisten Konsumenten "bewusstseinserweiternder" Drogen sind biedere und ängstliche Kleinbürger, die zu umgehen suchen, was sie anpacken müssten. Sie schaffen weder Neues für sich, noch für andere. Sie folgen dem Strom und verkünden so nicht einmal das Gegenteil des Schongehabten, geschweige denn ein gesellschaftliches Signal. Sie sind entweder nur konsumgeil und um 50 Jahre verspätet oder sie durchlaufen die Wirren der jugendlichen Wer-bin-ich-Zeit. Wer tatsächlich andere Wege finden will, stellt sich mit klarer Wahrnehmung der Wirklichkeit. In ihr lässt sich ohne Hilfsmittel Vergleichbares nachhaltiger erleben. Mit kleinkarierter Feigheit und grosskotzigen Sprüchen ist das nicht zu machen, aber mit Mut. Dieser wächst aus der Überwindung der Angst. Nicht aus einem Trip.

20.04.2010

Noe 14 – Was nützen Mauern ohne Tor?

In Noe's Leben gab es Grenzgänger und kranke Menschen. Einige hatten christliche Therapien hinter sich und was sie ihm erzählten, liess ihn erschauern. Nach der körperlichen Droge verloren sie sich neu in einer seelischen. Dies untermauerte seine Sicht auf die Kirchen, denen er misstraute. Von Hirten und Herden hielt er nichts. Sollte er in seinem Ärger nun austreten oder sich einlassen? Noe war Noe: Er entschied sich für den abenteuerlichen Weg und blieb. Mönch zu werden war nicht ein neues Leben, aber ein Richtungswechsel. Still bereitete er sich drei Jahre auf diese Wende vor. Als er so weit war, besuchte er im neuen Kleid seinen Freund im grossen Kloster. "Endlich", war dessen einzige Bemerkung. Noe suchte nun eine Gemeinschaft, in der er und seine kranken Freunde leben konnten. Er stiess auf Wohlwollen, fand aber nur Plätze am Rand. Dort waren sie schon. Noe wollte mit seinen Leuten in die Mitte, also musste er aus sich selber schöpfen. Zu allen Zeiten gründeten Menschen neue Orden und viele entstanden ohne Segen der Kirchenfürsten. Dies wollte er tun. In diesem Kloster würde es keine Gelübde geben und junge Männer konnten es besuchen, mitleben, bleiben oder gehen. Noe fragte nicht nach Hintergrund und Religion. Sie alle wurden Mönche auf Zeit, so wie es Noe in der buddhistischen Welt gesehen hatte. Das kleine Kloster wuchs und schrumpfte je nach Stand der Dinge. Er selber sah sich als Erster unter Gleichen, ein Begleiter durch die Schluchten, was nicht immer ganz gelang. Manchmal waren die Erfahrungsunterschiede zu gross und Noe liebte sich an den Rand seiner Kräfte. Die Mitbrüder brachten ihre Absichten und ihr Bestes in die Gemeinschaft, suchten hier nach ihren Spuren und trugen die neuen Erfahrungen hinaus in ihre Welt. Noe seinerseits hielt sein Versprechen an sich selbst und blieb, pflegte die Pflanzen, auf dass sie neue Früchte trugen.

18.04.2010

Noe 13 - Der Knabe und die Mönche

Noe war ein gläubiger Knabe. Sein Gott war nicht dreifaltig und hatte einen Bart. An ihn wandte er sich, wenn er alleine war. In Jesus sah er nicht Gott, sondern den mutigen Menschen und Bruder. Niemand wusste von Noe's stiller Welt, er behielt sie lückenlos für sich. Als seine Eltern erwogen, ihn, den 13jährigen, in die Klosterschule zu schicken, verhinderte er dies mit aller Kraft. Sein grösstes Geheimnis wäre offenkundig geworden und dafür war er zu scheu. Anderseits trugen im Kloster die ihm gleichaltrigen Schüler schon richtige Kutten und waren am Klosterleben beteiligt. Dieser Gedanke führte ihn regelmässig auf eine betörende, traumtänzerische Reise durch seine Tiefen. Zerrissen von Sehnsucht und Trotz. Obwohl er nicht wollte, wäre er zu gerne dorthin gezogen und – vielleicht geblieben. Durch die ganzen Schleifen seines Lebens begleitete ihn diese Glut. Manchmal loderte sie auf, wurde zum Feuer und er vernahm in sich die wehmütigen Rufe seines verbannten Klosterbruders. Ihm konnte er sich nicht entziehen. Auch nicht mit seinem zähen Kampfgeist und der unbändigen Freiheitsliebe. Ein solcher Ruf verzauberte Noe gleichermassen, wie er ihn verängstigte. Inzwischen hielt er tausend Ausflüchte dagegen, obwohl er wusste, dass mit Vernunft kein Schritt in diese Richtung jemals zu begründen war. Noes Gefühle gerieten in Aufruhr, wenn er vor einem bewohnten Kloster stand oder auf der Strasse einem jungen Mönch begegnete. Sein Blut stockte in den Adern, das Gefühl der Unzulänglichkeit übermannte ihn, die Augen verloren sich im dargebotenen Bild und begannen zu schimmern. Als er längst erwachsen war, betrat er, auf seine Weise und in vollendeter Widersprüchlichkeit, den Weg zum Mönch, auf dem er sich schattenhaft ohnehin schon längst befand. Nun aber schritt er wach und klar voran, wie nie zuvor.

17.04.2010

Fernsprecherei

Zurückhaltung und Geduld sind im Umgang mit Menschen wichtige Tugenden. Ich teile mein Leben mit einigen Telefonen. Sie schlummern in Räumen oder in der Hosentasche, bis ein eigenmächtiger Anrufer sie und ihren Besitzer ferngesteuert in Bewegung setzt. Augenblicklich schiessen sie aus ihrem Dornröschenschlaf, mischen sich in mein Geschehen ein, mit ihrem ganzen Register an ordinären Signalen. Sie fordern ungeteilte Zuwendung, gleich ob ich gerade mit Menschen zusammen bin, mir die Zähne putze oder koche. Ich will nicht. Tapfer ertrage ich den Einbruch, während ich auf dessen Ende hoffe. Andernfalls meint der Anrufer, sich verwählt zu haben und beginnt den nächsten Versuch. Ich will immer noch nicht, verspüre keine Lust zu reden. Ah, endlich - Ruhe: Und fünf Minuten später das gleiche Spiel. Der Befehl lautet: "Du hast abzunehmen, wenn Du zuhause bist", die heilige Leier der immerwährenden Erreichbarkeit. Verhielte sich jemand in meinen Räumen so wie meine Telefonapparate, würde ich diesem Menschen unverzüglich die Türe weisen. Hier aber wird mich später einer fragen, warum ich seinen Anruf nicht entgegennahm, er habe mehrmals versucht, mich zu erreichen. Anklage in tonaler Mittellage, die natürlich ernst ist und nur besagt, dass er nicht erhielt, was er haben wollte. Telefone gleichen schreienden Kleinkindern, nur trösten kann man sie nicht.

Noe 12 - Vorwort zwischendurch

Dann und wann wurde Noe aufgefordert, seine Gedanken aufzuschreiben. Noe hatte den Eindruck, dass es genügend ungelesene Bücher gab und niemand darauf wartete, dass auch er sich öffentlich darbot. Wenn er seine Gedanken niederschrieb, dann schienen sie ihm unverrückbar zu werden, wie in Stein gemeisselt. Sein grosses Interesse am Leben junger Menschen stimmte ihn um. Die Jungen waren die Boten der Zukunft. Von ihnen wollte er lernen und so für ihre Zeit erreichbar sein. Im Gegenzug hatte er befreiende Zeugnisse aus seinen Jahren anzubieten, die sie nutzen konnten oder nicht. Noe wusste um Liebe und Pein, wie man Menschen erkannte und mit ihnen in Beziehung trat. Er hatte Trampelpfade aufgespürt durch die Wirklichkeit, auf denen man nicht an derer Einfachheit zerbrach. Und wie oft hatte er die eigene Angst vor der Angst des anderen durchlaufen und dabei gelernt, mit diesen Lähmungen umzugehen, sie aufzulösen oder das Selbstmitleid zu überwinden. Noe kannte sowohl den Schmerz dieser Zeit, als auch ihre billige Wehleidigkeit. Ihr stellte er sein Denken und Handeln entgegen. Wollte er sich nun an junge Menschen wenden, bedeutete dies auch, sich der Mittel ihrer Zeit zu bedienen. Er erzählte einem Bekannten kleine Geschichten aus seinen Tagen und dieser zauberte sie, ein- und ausschaltbar, auf die Bildschirme einer flirrenden Zweitwirklichkeit: Ein, aus, ein, aus, ein, aus, je nach belieben. Noe war froh, dass so keiner über ihn lesen musste, der dies nicht wollte.

08.04.2010

Gut und Schlecht

Die kleine Maus war auf der Flucht. Weit entfernt von ihrem Mausloch wurde sie von der Katze gejagt und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Der Busch da vorne bot zu wenig Schutz, die aufgeschichteten Steine auch nicht, da wäre sie tagelang belagert worden. Trotzdem sie um ihr Leben rannte, kam ihr die zündende Idee. Sie schlug einen Haken, flitzte in den Stall und fragte die Kuh nach einem perfekten Versteck. Diese dachte nach und hatte schliesslich den rettenden Einfall: "Ist nicht so angenehm, aber stell' dich unter meinen Hintern". Verdutzt und unschlüssig die Maus - ungeduldig die Kuh: "Mach vorwärts!". Das Mäuschen stellte sich also hin und schon einige Sekunden später war es zugedeckt von einem warmen Kuhfladen. Nun tigerte die Katze daher: "Hast du die kleine Maus gesehen?", fragte sie die Kuh. Diese: "Nee, wie sollte ich, in all' dem Stroh". Also zog die Katze aufmerksam ihre Runden durch den Stall oder sass lauernd auf dem Fensterbrett, von wo aus sie alles übersehen konnte. Da plötzlich erkannte sie, wie sich im Dung der Kuh etwas bewegte, was aussah wie ein  dünner Wurm. Sie ging hin, erkannte den Schwanz, packte diesen mit einem Griff und verschlang die quietschende Maus.
Und die Moral der Geschicht': Nicht jeder der dir auf den Kopf scheisst, will dir Schlechtes tun. Und nicht alle die dich aus der Scheisse ziehen, meinen es gut mit dir.
(Nachgetextete Geschichte aus dem Volksmund)

06.04.2010

Die Zirkusbühne ist rund

Ich kenne Menschen, die werden überrannt von den eigenen Ereignissen, noch während sie diesen hinterher jagen. Gierig hetzen sie durch den selbst erzeugten Druck, müssen dringend dieses realisieren oder jenes noch haben. Grenzenlos das Leben melken wie eine Kuh, ohne sich zu fragen, von wem sie gefüttert wurde. Das Zauberwort heisst "Selbstverwirklichung". Die Dringlichkeit ist Dauerzustand und das Wichtige dümpelt vor sich hin. Sie suchen die Überforderung, um sich selber zu spüren und ihrer verkopften Betriebsamkeit Leidenschaft und Seele einzuhämmern. Hinleiden zur eigenen Wirklichkeit, gut verpackt und mit Argumenten verkleistert, damit allen verständlich wird, wer man ist. Denn ohne Bestätigung, Bewunderung und Komplimente, die dann bescheiden abzulehnen sind, ergibt das Ganze keinen Sinn.
Bei diesen Menschen werde ich das Gefühl nicht los, dass sie sich als Hauptdarsteller auf einer Bühne wähnen und sich um die eigene Achse drehen. Sie machen alles zur Kulisse, jeden zum Statisten und gelangen so zu einer Selbstdarstellung, in der sie sich erträglich finden. Sie ahnen, dass sie ihr Leben von sich weisen, sich selbst nicht akzeptieren und sich auf der Flucht befinden. Intellektuell ertragen sie Kritik, emotional hingegen nicht, denn da zerfiele die Kulisse. Solches Leben ist fremdbestimmt und verletzt den eigenen Wert. Die Schuldgefühle bleiben und führen zur nächsten Runde im Hamsterrad der eingebildeten Lebensschuld.

05.04.2010

Shitegal

Vor Jahrzehnten trug ich mein kleines Piece Shit in der Tasche und auf meinem Fensterbrett spross der Hanf, den ich aus eigenen Samen zog. Joints waren normal, entsprachen dem Gefühl der Zeit in der wir lebten und um die wir kämpften. Cannabis war eine alte Pflanze, doch wir empfanden sie als neu, so wie Jugendliche immer als neu empfanden, was ihnen gleichaltrig schien. Haschisch bot keine grossen Probleme. Bei LSD wurde es schon kritischer, denn einige verirrten sich auf den ewigen Trip. Vor härteren Stoffen hatten die meisten Respekt, aber längst nicht alle.
Ich habe zuviel gesehen, um moralische Vorbehalte gegen Süchte und Betäubungsmittel zu haben. Sie stehen immer in Beziehung zur Situation des betreffenden Menschen. Sorgen macht mir jedoch der Cannabis-Konsum junger Leute. Gegen deren Keulen war unser Zeugs Kamillentee und ihre Geschichten erinnern mich an Erlebnisse mit härteren Giften. Inzwischen habe ich öfters gesehen, dass langer und regelmässiger Cannabis-Konsum für sehr junge Leute verheerende Folgen haben kann. Schon wenn sie nur wenig unbeständiger sind, als es für jenes Alter ohnehin zutrifft, sind die Folgen dauernden Shitkonsums kaum abzusehen. Das Seelenleben kann völlig durcheinander geraten. Im schlechteren Falle schränkt sich die Wahrnehmung ein, die Entwicklung der Gefühlswelt stockt und die Beziehungsfähigkeit hinkt hinterher. Von Verantwortungsgübernahme und Bewusstseinsentwicklung ganz zu schweigen. Mit zwanzig dann noch immer das Innenleben des Sechzehnjährigen. Tunnelblick. THC schiesst Löcher in die Hirne, frühsenile Vergesslichkeit inbegriffen, und die Träume versanden in abgestumpfter Gleichgültigkeit. Es bleibt noch die Phantasie zur Begründung des Konsums, die Gesellschaft ist schlecht und der Rest ist SHITEGAL.
(vgl. Eintrag 2. März 10 / Brückenschlag)

04.04.2010

Osterangsthasen

(Nachgedanken zu Noe 11)
Zuweilen sind wir von Fragen und Ängsten umstellt, welche die eigenen Grundfesten erbeben lassen. Ein "Ja" muss her oder ein "Nein". Dabei versuchen wir sachlich zu denken und stossen vor allem auf Gefühle. Wir wollen uns absichern und zaubern aus der einen grossen Frage hundert kleine. Die Grundsatzfrage aber bleibt und mit ihr liegt die Antwort in der Luft. Wir trauen nicht uns zu entscheiden, wollen etwas anderes hören, was zugleich heisst, dass es die Ahnung einer Antwort gibt. Nun könnten wir uns treiben lassen, bis die Frage sich von selbst erledigt. Ebenso liesse sie sich aus eigener Kraft anpacken und bewegen. Daran hindern uns die eigenen Gepflogenheiten, Vorstellungen, Bewegungsängste und Befürchtungen oder die Unabsehbarkeiten, obgleich wir derart Unabsehbares wie Kinder in die Welt zu setzen vermögen. Die innere Eingebung irrt sich selten. Wir haben nur verlernt, sie wahrzunehmen und in unser Denken einzubinden, was unser Lebensvertrauen schmälert. Jeder ist von seiner Grenze umgeben, fast vergleichbar mit dem Fluchtabstand der Tiere, kämpfen oder fliehen. Auf der Linie dieses Kreises zeigen sich Punkte, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie ziehen uns in ihren Bann oder stossen uns ab, erzeugen Unsicherheit. Genau hier liegen die Kerben, über welche sich der Kreis durchbrechen liesse. Hinter diesen verschlossenen Toren öffnen sich die Wege. Fürchte dich nicht vor der Angst. Ohne sie gäbe es keinen Mut.

03.04.2010

Noe 11 - Zwiebel(ge)schichten

Noe war nicht der Ratgeber, für den ihn viele hielten. Erfahren war er schon, da er viele Narben in sich trug. Er konnte frei vom eigenen Leben zuhören, gefächert und geschmeidig den erkannten Grundlinien des Gehörten folgen. Er sah auch, ob Körper und Mund eines Menschen zweierlei erzählten. Noe beobachtete viel und fragte wenig. Einmal schwieg er, ein andermal erzählte er von sich. Nicht um Mittelpunkt zu sein, nein, das mochte er nicht. Vielmehr wollte er in Bildern und indem er seine eigenen Fragen darlegte, Wege aufzeigen und dabei verhindern, dass der andere sich preisgeben musste. Manche sprachen Bände, während sie zuhörend schwiegen. Noe hoffte, sie würden hörend mehr über sich selbst erfahren, als wenn sie sprachen. Denn oft behandelten sie ihre eigenen Aussagen wie Luft. Stattdessen erwarteten sie Lösungen von anderen, so auch von ihm. Ausgerechnet er, der nur jene Pfade kannte, die auf sein eigenes Wesen zugeschnitten waren. Der Schlüssel lag doch in ihnen selbst und dort hatten nur sie Zugang, nicht er. Durch viele Gespräche hatte Noe gelernt, wie Menschen zwar verstanden, sich aber davor fürchteten, das Verstandene umzusetzen. Auf seinen steinigen Wegen wurde Noe beigebracht, dass er aus sich selber schöpfen konnte und musste. Seine Lehrerinnen hiessen "Achtsamkeit", "Beharrlichkeit" und "Geduld". Dort, in der Tiefe und Selbstverständlichkeit, fand er alles vor, was für sein Leben notwendig war. Diesen Schätzen schuf er Raum. Noe glaubte, dass jeder Mensch solche Keime in sich trug, viele aber sahen nur, was sie sehen wollten. Der Wirklichkeit schenkten sie keine Beachtung. Verdrängen und Verschweigen konnten Folge von Angst und Faulheit sein, oder ein persönliches Merkmal, vielleicht eine Pflicht und manchmal markierten sie das Recht auf Unversehrtheit.

01.04.2010

Gut gemeint überfahren

"Ich hab's doch nur gut gemeint". Alle kennen diesen Satz, haben ihn selber schon gesagt oder gehört. Er ist das Eingeständnis eines eigenen Irrtums und erzeugt bei allen Betroffenen zweischneidige Gefühle. Die Aussage versucht, den eigenen Fehler jemand anderem in die Schuhe zu schieben. Dieser antwortet unter dem Druck des Anstandes, da er mittelbar verpflichtet wird, für die Überheblichkeit des Gutmeindenden Verständnis zu zeigen. Ein feines Spiel. Einer bestimmt, dass sich ein anderer an etwas zu freuen habe oder beschliesst jemandes Hilfsbedürftigkeit. Ohne jede Abklärung beginnt er mit der Umsetzung, handelt unaufgefordert für den anderen oder in dessen Namen. Glückspiel mit Gefühlen und Vorstellungen. Fehlgriff. Er hatte es gut gemeint. Nun muss er eingestehen, dass er sich mit seiner selbstbezogenen Sicht über den anderen Menschen erhoben hatte und ihn ohne Achtung überging. Die Wut des so Beschenkten ist berechtigt. "Ich habe es gut gemeint" ist ein Entschuldigungssatz. Demnach hat der Gutmeinende die Abgrenzungen des Beschenkten hinzunehmen, da sein eigenes Verhalten sie beide in die Patsche ritt. Meistens aber geschieht das Gegenteil: Der gut gemeint Beschenkte wird für seine Ablehnung der Hochmut bezichtigt, während der anmassend Gutmeinende getröstet wird. Ein feines Spiel, wahrhaftig, ein feines Spiel. Und es ist weit verbreitet.

31.03.2010

Die Religion der "Wahrheit"

In Kirchen, frommen Gruppen, Kreisen der neuen Innerlichkeit, überall wo es um geheimes Wissen, Glauben und Übersinnliches geht, liegt Stammtischduft in der Luft: Jeder hat seine Meinung und keiner weiss worum es geht. Diese Gruppen verstricken sich naturgemäss in Widersprüche. Dagegen kämpfen sie mit festgelegten Bildern und Gesetzen, mit denen sie reine Auslegungen und gemeinsames Wunschdenken zur unverrückbaren Wahrheit erheben. Wahrheiten sind Deutungen der Wirklichkeit, mehr nicht. Wenn diese Gemeinschaften Menschen unterwerfen, statt sie zu befreien, dann besiegeln sie selbstherrlich den Wahn einer endgültigen Wahrheit. Versprechen sie dir gar, du könntest durch sie, nur durch sie, oder mittels eines bestimmten Verfahrens, gar einer einzigen Weltanschauung, frei und besser werden, dann ist Macht im Spiel, Verblendung, Abhängigkeit und Geld. "Frei und besser" wirst du auch alleine. Dafür brauchst du keine Seelenverwaltungen, deren Moral- und Wissensgebäude vor allem aus hochgeistigem Schrott, schön frisierter Übernatur, Gruppenkitsch und Biederkeit bestehen. Letztere wiederum ist das schützende Gefäss für die eigene Angst und deshalb mehrheitsfähig. Darin kannst du dich an klare Vorgaben klammern, statt dein Leben in die Hand zu nehmen. Du kannst dir die Freiheit des Geistes beschneiden und dir diesen Akt als mutig, ja heldenhaft verkaufen lassen. Bevor du dich von deiner Erlösungssehnsucht in solche Arme treiben lässt, solltest du über eine stabile Eigenständigkeit verfügen. Sonst mutierst du zu einem jener blökenden Schafe, von denen es längst zuviele gibt. Schau hin und denk nach: Es gibt tausendfach Anderes, als das, was man dir gerade verkauft.

Noe 10 - Vorschlafbaumeln

Mit der Zahl der Lebensjahre wuchsen Noes Vorbehalte gegenüber seinen eigenen Worten und Gedanken. Obwohl sie immer klarer wurden und entschiedener, öffneten sie ihm Welten, die er keineswegs besser verstand als jene, die er früher durchschritten hatte. So verfielen seine neuesten Erkenntnisse, kaum geboren, zu Randnotizen. Mit der Lebenssicherheit spross auch der Zweifel. Noe jagte nicht mehr allem hinterher, hatte Zeit, den Dingen nachzugehen. Statt Klarheit erhielt er neue Fragen. Manchmal sehnte er sich nach der religiösen Festigkeit einiger seiner Freunde. Gerne hätte er sie geteilt, um der aufdämmernden Vergeblichkeit des Lebens zu entfliehen. Er musste Sinn schaffen, während sie ihn einfach hatten. Noe erlag zuweilen einem fast faustischen Erkennenwollen. Aber es führte ihn nicht in jene Weite, welche das All des Unbedingten zu versprechen schien. Dieses nämlich bot Geborgenheit und Ruhe und den einen Pulsschlag ausserhalb der Fassbarkeit. Er fand diese Ruhe nicht. Zudem wusste er, dass sich alles für ihn Wichtige nicht in Worte kleiden liess. Und doch erzählte er viel und gerne, hoffte, auf diese Weise lebendige Zwischenräume zu schaffen, obwohl ihn danach die absehbare Reue meist zerfrass. "Dass uns der Weg das Ziel sein müsse …" begann er schlaftrunken zu murmeln, bedankte sich im Leisen, wohin genau wusste er nicht … und dabei schlief er ein.

30.03.2010

Darf mann so?

Noes Geschichte vom toten Freund klingt nach. Mitten in der Nacht. Ein grösseres Geschenk als einen Freund gibt es für mich nicht. Die Freundschaft wächst aus Zuneigung, Grundvertrauen und Respekt. Von meinem Freund erwarte ich nichts. Das macht ihn frei. Ich bin einfach für ihn da. Punkt. Anderseits gewährt er mir Ruhe, wenn ich sie brauche, nimmt Anteil ohne mich trösten zu wollen, schenkt mir Raum, um zu schweigen und das Vertrauen, nicht ins Leere zu stürzen wenn ich falle. Und Freunde gehen nicht verloren, wenn der Austausch eine kurze oder lange Weile ruht.
Du magst in Liebe noch so weich gebettet sein, wenn du keinen Freund hast, bist du arm. Um Freundschaften nicht zu gefährden, habe ich sie immer klar abgegrenzt von den Liebesverhältnissen. Denn diese verdorren zu oft in den Stürmen der Erwartungen und Verpflichtungen, in denen beide unvernünftig alles voneinander haben wollen. Wäre die Freundschaft gar eine bessere Basis für Lebensprojekte als die Liebesbeziehung?

28.03.2010

Noe 9 - Der verlorene Gast

'Nie habe er Zeit' und 'er komme kaum zu Besuch', warfen sie Noe vor. Sie hatten recht und er konnte sie verstehen. Nur, Noe war anders. Wo sollte er das Leben suchen, da es doch beständig durch seinen Alltag floss? Weshalb reisen, wenn er weder Langeweile kannte, noch Verlassenheit? Noe lebte die Gegenwart. In seinen Gedanken tummelten sich die vielen Menschen, mit denen er in Berührung gekommen war und all' jene, die er liebte. Auch nach langer Zeit konnte er Freunden so begegnen, als hätte er sie erst gestern gesehen. Noe trug die Menschen in sich mit. Deshalb staunte er, wenn diese nun plötzlich auf eine Lücke aufmerksam wurden. Er kannte keine solchen Lücken. Einmal besuchte er, zwanzig Jahre nach dessen Tod, auf dem Friedhof einen seiner besten Freunde. Noe hatte damals an der Beerdigung nicht teilgenommen. Erschüttert stand er vor dem Grab, las den Namen und für Noe starb der Freund erst jetzt. Von nun an war er Erinnerung, bis hierhin hatte er in ihm und mit ihm weitergelebt. Noe begriff, dass es lebenslange Liebe gab, vielleicht erst recht ohne jene "klassischen" Bindungen mit ihren vielen Stolpersteinen. Leise sprach er mit dem toten Freund, pflückte ein paar Blumen, schob ihm Zigaretten unter das Grabmal und verliess den Ort. Seinen Freund nahm er mit.

Kunstsicherheit

Kunst pflügt, bewegt, überrascht, verunsichert. Sie sucht und zeigt Auswege aus Strömungen der Gesellschaft, fragt, klagt an, flüstert, schreit zuweilen und schafft Raum für Veränderung. Sie verhält sich nach dem Bibelwort "Der Geist weht, wo er will". Mit Kunst Erfolg zu haben, ist ein Seiltanz. Sich von seiner Arbeit ernähren zu können, ist kein Mass für die Berechtigung eines Künstlers. Deshalb sollten wir bei "grosser Kunst" öfters fragen, weshalb so viele sie zu verstehen scheinen. "Kleine" Kunst braucht Begleitung, da sie verletzliche Keime in sich trägt. Nicht jedem Samen sieht man an, was dereinst aus ihm wachsen kann.
Körperschaften der Kunstförderung sind rechenschaftspflichtig. Um sich zu finanzieren, müssen sie reinen Lebensverwaltern Weltsichten glaubhaft machen, die diese nicht nachvollziehen können. So brauchen sie Vergleichbarkeit und Geschichte, um daraus die "Rechtmässigkeit" der Gegenwartskunst abzuleiten. Eine falsche Sicherheit, denn keiner ist frei von Emotionen und Geschmack, persönlicher Wahrnehmung und Vorstellung. Neben der Mehrschichtigkeit der Aussage eines Werkes und seiner handwerklichen Güte, gibt es kaum verbindliche Anhaltspunkte. Letztlich kann ein Kunstschaffender auch zu begnadet sein, um verstanden zu werden oder es gilt das Wort vom Propheten im eigenen Land. Sich in diesem Dunstkreis des Ungefähren zurechtzufinden ist Erfahrungssache und gleicht oft einem Würfelspiel.
Ein Rat an alle Sicherheitsbehinderten: Nichts tun und warten, bis man abgesichert rückwärts schauen kann.

Noe 8 - Bonjour Adieu

Er war nie ein Mauerblümchen. Obwohl sich Noe damals dafür hielt, wurde er gesehen. Die rüden Spiele seiner Mitschüler mochte er nicht. An den dummen Sprüchen fand er kein Gefallen und auch nicht an der Eitelkeit der Sieger. Noe hatte dafür eine ausgeprägte Wahrnehmung für die Bruchstellen des Lebens. Er beobachtete genau, speicherte unaufhörlich Bilder und Worte und schloss sie in sich ein. Dieser leise Teil seines Wesens beinhaltete das Leben, welches er hätte haben wollen und er stellte es dem lauten Treiben entgegen. Oft war er verträumt, entschwand zu seinen Büchern, sang mit seiner Musik. Noe war für seine Umgebung rätselhaft, während er selbst die Trennung als Grundprinzip des Lebens erfuhr. Viele Jahre später hatte er mit einer Freundin ein einwöchiges Gespräch. Sie zeichneten es auf, da Noe ein schlechtes Gedächtnis zu haben glaubte. Seine Meinung wurde widerlegt, als er spontan einen zwanzigzeiligen Schachtelsatz ohne jeden Fehler auf das Tonband sprach. Am letzten dieser Tage stellte Noe fest, dass er nie eine graue Maus sein würde. Dass ein herkömmliches Leben für ihn nicht vorgesehen und er ein Gründer war. Nicht der Jünger, für den er sich gehalten hatte. Er war ein Träger und die trugen, wie er wusste, meist allein. Bewundert und gefürchtet. In Noe's Augen floss die Trauer.

27.03.2010

Feige Hunde beissen.

Ich lebe in Straussendorf, einem kleinen Ort in lieblicher Landschaft, mit einer 8oojährigen Geschichte, die hier nur wenige interessiert. Man steckt den Kopf in den Sand oder intrigiert. Gewohnheiten regieren und ein Bürgermeister, der viel von sich hält: "Straussendorf c'est moi". Andersdenkende schreit er öffentlich nieder. Umsichtig führt er die Geschäfte der Gemeinde, spaltet aber eifrig das Dorf und nebenbei kümmert er sich um Selbstdarstellung oder um seine Wichtigkeit. Die Schäfchen nicken und schweigen. Für Straussendorfer ist es normal, dass die Zuwendung ihrer Politiker zweckgebunden ist. Folgerichtig verkam des Bürgermeisters Freundlichkeit zur Überheblichkeit. Nein, er ist nie selber schuld. Schuld sind die Mitläufer oder die Gegner. Dumm nur, dass feige Hunde beissen.

200 Jahre genügen nicht, um aus einem Untertanendorf eine moderne Gemeinschaft zu bilden.

26.03.2010

Spiegelnackt

Sie teilen ein in "gut" und "böse". Suchen verstört nach Wahrheit, hängen sich an Strohhalme, die vom Fuder purzeln, folgen unstet jeder neuen Strömung und den Heilspropheten. Sie bewerten religiösen Wahnsinn aus Geschichte und Gegenwart nach dem aktuellen Stand der eigenen Leistungsneurose. Die einen rutschen auf den Knien, andere halten sich ihren Privat-Indianer, wieder andere zaubern mit Zeichen und Symbolen, pendeln, legen Karten und sehen hell. Oder sie tippeln von Energieort zu Energieort bis an den Rand des Irrsinns. Sie meinen steuern zu können, was grösser ist als sie, verwechseln ihre kleine Welt mit dem Allumfassenden. Ich frage mich, weshalb diese Menschen sich nicht aushalten? Einige Stunden, nackt und leer, vor dem Spiegel stehen und nichts anderes tun, als sich selber anzuschauen; da stünden sie am offenen Tor und die irrwitzige Nabelschau fände ein Ende. Überlebenstricks sind legitim und ungefährlich, so lange man weiss, dass es welche sind.

(Es gibt Menschen mit erstaunlichen Gaben. Einigen bin ich begegnet. Gemeinsam war ihnen allen eine auffallende Bescheidenheit, keine kommerzielle Verwertung ihrer Anlage, äusserste Zurückhaltung bis hin zur Verleugnung ihrer Fähigkeiten vor anderen Leuten.)

25.03.2010

Noe 7 - Noe hatte Glück

(Dédié à T. et T.)
Noe hatte Glück. Gegen Ende ihrer Schwangerschaft wollte seine Mutter mit ihm in den Tod. Sie war jung und verzweifelt. Der Versuch misslang, beide überlebten. Eine Amme wärmte und nährte ihn. Kaum genesen, begann Noe's Mutter ihn zu einem jener richtigen Männer zu formen, die sie so liebte. Sie war jung und naiv. Noe wehrte sich mit schweren Krankheiten, die ihn schliesslich in ein Kinderheim führten. Er hatte Glück. Es war keine jener Kinderhöllen, wie es sie anderswo gab zu jener Zeit. Als er zwei war, stand ein Paar an seinem Bett mit einem Teddybär. Ein Bild, das er unauslöschlich durch sein Leben trug. Er zog zu diesen Menschen und wuchs bei ihnen auf. Noe hatte Glück: Sie haben ihn gesund gemacht, zärtlich begleitet, niemals in Formen gezwängt. Er pendelte, wie heute Scheidungskinder, zwischen den Pflegeeltern, seiner Mutter und den den verschiedenen Kulturen hin und her. Heimatlos. Noe hatte Angst vor seiner Mutter, sie war dick und er schlief neben ihr. Sie verkehrte mit vielen freundlichen, ziemlich aufgetakelten Frauen an Orten, wohin sich damals "anständige" Menschen nicht verirrten. Noe wuchs heran und wurde für seine Mutter zum "Plan Altersvorsorge". Sie war nun älter, berechnend geworden, voll gehängt mit schwerem Gold und machte Druck. Noe entzog sich. Als er erwachsen war, erhielt er den Namen seiner Zieheltern. Später erbte er aus Versehen etwas Geld und genau dann meldete sich seine Mutter nach fünfundzwanzig Jahren wieder. Sie hatte materielle Wünsche, forderte seinen Besuch und klagte über ihr Leben. Wie es ihm erging, fragte sie nicht. Noe, inzwischen fünfzig und erfahren, hatte danach den ersten und letzten Asthma-Anfall seit Jahrzehnten. Notschrei aus tiefster Vergangenheit. Tagelang brütete er über dem Brief an seine Mutter. Darin verzieh er ihr, was es zu verzeihen gab und er schloss die Zeilen mit den Worten: "… Du bist zu spät gekommen. Der Funke der Freundschaft ist nicht gesprungen. Das Blut spricht nicht. Wenn Du etwas für mich tun willst, dann lass' mich los. Ich bleibe da, wo ich die bedingungslose Liebe fand."
Noe hatte Glück: Denn es gab diesen Ort.

Wer hat sie die Angst gelehrt?

Wir wollten alles besser machen. Damals, als wir lange Haare trugen, unsere politischen Zirkel hatten, die Strasse besassen und die "Freiheit" des organisierten Andersdenkens. Wir wollten neue Wege und fanden nur andere. Nach und nach verloren viele ihre Ideale, sprangen auf den fahrenden Zug der Wohlanständigkeit, entschärften ihre Kanten und Ecken. In Gier und Sicherheit verfangen, liessen sie sich wie Fische vom Wasser des Stromes tragen. Sie wurden mit Arbeit und Erben zur reichsten Generation aller Zeiten. Das Material erstickte die Flammen. Manche gründeten Familien, zogen ihre Kinder auf, begleitet von Gehorsam, Staat, Versicherungsvertretern und Hypothekarzinsen. Die Gesetze perfektionierten sie zum Mückennetz und investierten in die Vorsorge. In den Zeitungen lasen sie nur noch die Titel. Zurückgezogen auf das Überschaubare, verloren sie das Ganze aus den Augen, den Fluss der Generationen, die Verantwortung für die Zeit nach uns. Sie wurden müde und hatten nun Angst vor neuen Wegen, die es durchaus gab. Weit und breit keine Zeichen des Aufbruchs mehr.
Sie werden wenig grundlegende und lebbare Werte hinterlassen, dafür eine Konsumwüste und ein Lebensjoch, das den Nachkommen schon jetzt den Rücken krümmt: Inzwischen ersticken wir im Dreck, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer, wir sitzen in jeder Beziehung auf einem Schuldenvulkan und "Erfolg" misst sich nur noch am Material.
Dass sich meine Altersgenossen grösstenteils nicht mehr bewegen werden, davon ist auszugehen. Umso mehr sollten uns die Jungen jetzt jene Fragen stellen, vor denen wir uns drücken. Denn sie werden die Karre weiterziehen, die Suppe auslöffeln und müssten sich wehren für ihre Zeit nach uns. WARUM tun sie es nicht? Wer hat sie die Angst gelehrt und ihre Neugier erstickt?
Ab und zu höre ich, dass uns die Jugend den Generationenvertrag kündigen werde. Das kann sie nicht, denn die Alten haben ihn schon längst gebrochen.
Die Jugend könnte ihn aber einfordern.
TUT ES.

24.03.2010

Rauchst du noch ...

... oder stirbst du schon gesund?

Gesundheit ist eine Frage des Gleichgewichtes und nicht absolut. Vielleicht ist keiner gesund und wir kennen nur nicht alle Krankheitsbefunde. Gesundheit kann zum Wahn werden, ein Geschäft ist sie allemal. Ewig jung, schön, faltenlos, schlank, zähnebleckend leistungsfähig schaffen wir neue Masseinheiten der gesellschaftlichen Eingliederung und damit der Ausgrenzung. Wir werden so den neuen Menschen nicht hinbiegen, auch wenn wir das glauben und wollen. Solches wähnte man im Dritten Reich und schon früher, jeweils mit verheerenden Folgen, worauf wir alle beteuerten: "Nie wieder!". Vom Röhrenblick geleitet, sind wir damit beschäftigt, in anderer Weise die Vorgaben von damals neu zu erfinden. Vermeintlich nach den Erfordernissen unserer Zeit. Aber es bleibt beim Alten. Nichts gelernt.
Das Leben ist tödlich, somit lebensgefährlich. Die Länge kann verschieden sein. Dabei hängt die Qualität eines Lebens nicht von seiner Dauer ab, sondern von seinen Inhalten. Dort sind ganz andere Merkmale entscheidend, als uns die Bedenkenträger und ihre Trompeten verkünden. Die wollen nur gewinnbringende, glattgeschmierte Seelenkrüppel und die Mehrheit schreit schon mit.
Meinerseits möchte ich nur Jahr um Jahr etwas schöner werden, gezeichnet von den Spuren meiner Tage. Reifen Geistes möchte ich dem Tod begegnen, der mich dann von meinen kleinen und grossen Leiden erlösen wird. Ich habe mein Leben und seinen Kern nicht verleugnet. Daher hoffe ich, keine dieser Krücken zu brauchen, mit denen man im Alter nachzuholen sucht, was nicht nachzuholen ist: Die nicht erfüllte Zeit in der eigenen Vergangenheit.

22.03.2010

Noe 6 - kreisrund kariert

Noe durchstreifte seine Vergangenheit. Als er auf die Sehnsüchte seiner Jugend traf, hielt er ein. Da waren doch wieder die kribbelnden Gefühle des Zwölfjährigen, die Mischung aus Faszination und Ablehnung und seine mutigen Ideen. Warm bewegt erinnerte er sich der klaren Antworten, welche er in jener Zeit den Fragen der Erwachsenen entgegen stellte. Sein gelebtes Leben vor Augen, verfing sich Noe im zweifelnden Gedanken, ob er wirklich von Anfang an alles "wissen" konnte, was in ihm angelegt war. Damals folgte die Zeit der Schulen, des Schleifens, der Formung, der geforderten Anpassung. Unzählige Kategorien frassen sich in sein Leben, fremde Werte und Anstand verstopften den Fluss des freien Denkens und Fühlens. Der Ursprung sank zurück in dunkle Tiefen, darüber tausend aufgetürmte Vorbilder und Urteile. Dann, in den frühen Jahren des "Erfolges", kam sein klarer Ausstieg. Aus. Stück um Stück warf er nun die Raster aus seinem Leben. Nach Jahrzehnten stiess er wieder auf das "Wissen" seiner Kindheit, das nun gelebte Erfahrung war. Keinen Gedanken hatte er gegeben, um das zu erreichen. Ahnungslos war er einem "roten Faden" gefolgt.
Jesus war zwölf, als er im Tempel die Gelehrten belehrte. Maui war zehn, als er, mit einem Vortrag über das Sterben, eine Gruppe todkranker Menschen von den Stühlen riss. Mischa war zwölf, als er Noe erklärte, weshalb Freiheit ohne Selbstbeschränkung nicht möglich war. Ur-Abt Benedikt mahnte seine Mönche, der Jugend Gehör zu schenken, da sich der Geist auch ihrer bediente.

21.03.2010

Noe 5 - Antwort und Ziel

Noe hatte nie persönliche Ziele und ging zielsicher durch sein Leben. Er wanderte von Begebenheit zu Begebenheit, mit seiner Aufmerksamkeit und etwas Glück als einzigem Vermögen. In den Ängsten seiner Jugend hatte er angstgetrieben Spürsinn aufgebaut, um sich zu schützen. Die Ängste gingen, der Spürsinn blieb. Dieser führte ihn durch alles, was ihm das Leben vor die Füsse legte. Nie wusste er, wohin die Reise ging, bewegte sich in weiten Teilen absichtslos und füllte ganz einfach die Lücken, die er vorfand. Selbstverständlich und ganz. Diese "Unschuld" glaubte ihm keiner. Den leisen Spott ertrug er leicht, lag doch darin ein Aufhorchen und Hinterfragen jener, die ihn nicht verstanden.
Noe dagegen staunte oft, wenn Neues, Ungewusstes, aus ihm wuchs und er sich fragen durfte, warum er etwas konnte oder woher ein Gedanke kam. Er fand selten eine Antwort aber immer neue Fragen. So konnte Noe mit andern mehr und mehr die Fragen teilen. Antworten hatte er keine.

19.03.2010

Akt im Bühnentrakt

Aufbrechen willst Du? Längst geschehen. Dein Leben kennt keine Proben, es ist selbst das Stück und läuft. Alles was du getan hast, war gut und richtig und das will dir nicht in den Kopf, obwohl es dich hierhin getragen hat. Stattdessen stampfst du neue, höhere Ansprüche aus dem Boden, die du dann wie Götzen umtanzen kannst. DU wirst deine neue Lebensstufe nicht bestimmen, das Leben wird es tun. Du brauchst Geduld und Achtsamkeit, sonst könnte es passieren, dass das Glück hinter deinem Rücken vorüberzieht, während du faule Pflaumen pflückst und nichts anderes siehst, als diesen Baum vor dir.
Vergiss den Blick zurück, fantasiere weniger nach vorne, bewege dich im "Hier und Jetzt" und fülle es so gut es geht. Du wirst die Liebe entdecken in dir und - zu dir. Du wirst dir verzeihen können und eine neue Art der Innigkeit und Zuwendung erfahren. Dann führt dich das Leben an der Hand und die Angst hat ein Ende.

Selbst, selbst, selbst ...

Der Zeitgeist jagt nach dem Selbst, oder dem was er dafür hält, und sucht den Eintritt in das Allumfassende. Dass dieses keine Kategorien kennt, schon gar nicht die, mit denen wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, gerät in Vergessenheit. Die Altvorderen idealisierten die Selbstaufgabe, um Platz für den Geist zu schaffen und für all' das, was einem dieser zumutete. Sie waren cleverer als wir. Sie wussten, dass es nicht um "Wolke Sieben" ging, sondern um einen vernünftigen Umgang mit dem Kot des Seins.
Eine andere Tücke liegt im Selbstbewusstsein. Wir definieren es über den vorzeigbaren Erfolg. Selbstbewusstsein müsste aber die Folge von wirklicher Selbsterkenntnis sein und diese bitte auf der ganzen Breite, nicht nur im Hallelujateil.

Noe 4 - Happy Birthday

Sein fünfzigster Geburtstag war etwas melancholisch und zugleich Noe's schönster. Einen einzigen Besuch empfing er, dann ein Anruf, ansonsten war es still. Er hatte Zeit und dachte an die Menschen, die sein Leben mitgestaltet hatten. Mit ihrer Liebe, mit Geduld und Verständnis, mit Ablehnung, Konflikten und manchmal getrennten Wegen danach. Junge Menschen und alte, gesunde und kranke, solche in der Mitte der Gesellschaft und andere, die sich ausserhalb der Wohlanständigkeit bewegten. Viele von ihnen wussten nicht, was sie in ihm ausgelöst hatten. Wie meist in jener Zeit dachte er nach und schwieg. Noe war klar, dass er ohne das Leben ringsherum nie zu dem Menschen gewachsen wäre, der er nun war. So fand er keine Ursache für Stolz und Selbstzufriedenheit, stattdessen hundert Gründe für Dankbarkeit.

17.03.2010

Gurus und andere Leerläufe

(Ein alter Stoff und immer wieder neu ...)
Wenn du einen Menschen bewunderst, dann bewunderst du deine Sicht auf ihn. Du nimmst ihn nicht in seiner Ganzheit wahr, die sich weniger von deiner unterscheidet als du glaubst. Der Unterschied liegt nicht in den Lebensfragen, sondern im einzelnen Umgang mit diesen. Du bürdest also einem Menschen deine Erwartungen und Vorstellungen auf. Da er diese nicht erfüllen kann, besonders, wenn er nichts davon weiss, wirst du zwangsläufig durch deine eigene Wahrnehumg enttäuscht. Dann wirst du dein eigenes "Ungenügen" dem anderen anlasten, deinen Frust versprühen und so keinen Schritt weiter kommen. Die Sucht dem Vorbild gleichen zu wollen, kann so weit gehen, dass du Dinge tust, die dieses Vorbild niemals von dir erwarten würde. Du versklavst dich selber und drehst im Kreis.
Manchmal genügte eine kleine Frage, um das zu verhindern: "Was willst Du von mir, was bin ich für dich?". Man stünde sofort auf gleicher Augenhöhe und ersparte beiden Seiten sehr viel Schmerz.

16.03.2010

erLösung

Wollen wir uns erlösen, dann müssen wir uns zuerst von unseren Erlösungskonzepten erlösen. Wir möchten lieben, was wir idealisieren, dabei sollten wir vielmehr lieben lernen, was wir an uns als ungenügend empfinden.
Was meinst Du, weshalb so viele Mystiker einen ausgeprägten Humor hatten, diese Gelassenheit der Sonne UND dem Schatten gegenüber?

15.03.2010

Noe 3 - Chamäelon

Noe war eine etwas schillernde Figur. Mehr Mensch des zarten Gedankens, des verbindlichen "In-sich-weiter-tragens", als einer der Berührung. Ein Brückenbauer mit schier endloser Geduld und Menschenkenner mit Standortbeweglichkeit von "fein" bis "herb". Einer, der die Dinge klar benennen wollte, ohne sie zu bewerten. Ein Mensch des Friedens, niemandes Feind aber ein guter Gegner. Ein Kämpfer der selten gegen die Dinge stritt und umso mehr für eine Sache oder Menschen focht. Stiess er auf Arglist, Missgunst, Torheit, Anmassung, Eigensüchtigkeit und Dummheit*, kämpfte er mit Wut und Lust zur selben Zeit für sein Bild von der Gerechtigkeit. Obwohl er wusste, dass es sie nicht gab und man sie nur üben konnte. Bei solchen Turnieren war er nicht zu bremsen, auch nicht durch seine eigene "Vernunft".
Das Wissen um diese Fähigkeit erlaubte Noe seine Verletzlichkeit.
*Fehlende Bildung, nicht Ausbildung

14.03.2010

Der Geist weht, wo er will

Spirituelle Rituale dürfen nicht vollgeplappert werden und sind keine Bühne für hehre Gebärden. Sie sind kein Mittel gegenseitiger Angleichung und verfolgen keinen fassbaren Zweck. Sie schaffen leeren Raum. Neues kann wohl in leere Gefässe gelangen, in gefüllten findet es keinen Platz. Werden Rituale mit konkreten Erwartungen und Forderungen verknüpft, entsteht keine Leere, hingegen die Illusion, "Erleuchtung" oder "Gnade" sei machbar und eine Frage der Leistung. So werden die Menschen geknechtet statt befreit.
Sollte es "Erleuchtung" geben, natürlich unbestellt und einfach so, fände sie eher in der Leere statt und nicht in der Fülle. Der Augenblick wäre wohl kaum wahrnehmbar leise, ein Hauch des Unbedingten aus einer Welt die zugleich fremd und in eigener Weise doch die eigene wäre. Wer diesen Augenblick festzuhalten sucht oder in Worten teilt, hat ihn schon wieder verloren.

11.03.2010

Männer? Frauen?

Wo sind die Merkmale männlicher Kultur versunken? Gut 40 Jahre habe ich uns am Rande der Frauenemanzipation erlebt. Die einen beflissen, die anderen rieben sich die Augen oder zogen sich brummelnd zurück. Ein tauglicher gemeinsamer Weg der Geschlechter ist dann möglich, wenn beide ihre ganze Persönlichkeit leben dürfen und können. Diese Persönlichkeit haben viele Männer verloren. Inzwischen hat der vorbildliche Mann alles zu sein. Einmal männlich, dann weiblich, vom zartfühlenden Vater und romantischen Liebhaber bis hin zum erfolgreichen Helden auf der Kampfbahn des Lebens. Und doch ist alles falsch: Schleppt er die Abfallsäcke nach draussen, ist er ein Weichling, tut er es nicht, ist er ein Tyrann. Kaum besser geht es den Frauen. Viele beschäftigen sich mit ihren hohen Ansprüchen und der folgenden Erziehung ihrer Partner, was sie am eigenen Leben hindert. Ganz am Schluss steht bei den meisten dieses, unbegründete, Gefühl des Ungenügens. Hüben wie drüben Missverständnisse. Wir verstehen uns nicht. Ein Geschlecht kann nicht Mass für das andere sein. Hier Orientierung zu suchen ist sinnlos, überfordert beide und führt in eine Art Selbstauflösung. Nebeneinander zu gehen ist besser, als zu verschmelzen. Der Weg der Frauen war nie sonderlich mein Ding, wohl aber die Rolle der Männer in diesem Aufbruch.
Ich selber kann einen Mann oder eine Frau als "Freund" bezeichnen: DAS überfordert dann meist beide Geschlechter.

08.03.2010

Zeit los

Das "Alter" wird hier immer wieder auftauchen, denn damit habe ich mich zu befassen. Einerseits machen sich vermehrt kleine Leiden breit, die bleibende Einschränkungen zur Folge haben. Altern ist definitiv nichts für Feiglinge. Anderseits wächst die Liebesfähigkeit in einem Mass, wie ich es mir nicht vorstellen konnte. Neu meldet sich nun ein Gefühl der "Zeitnot". Nicht jene aufgeregte Not des jungen Mannes, die aus berechtigter Zeitvergeudung entsteht, sondern eine unterschwellige, leise Ungeduld mit viel Offenheit nach vorne. An Veranstaltungen des lauten Denkens, also an Sitzungen und Ränkespielen aller Art, frage ich mich inzwischen, in welchem Bewusstsein meine Altersgenossen sprechen und handeln. Ich scheine anderes zu spüren: Mein Lebenshorizont wird absehbar. Die mir verbleibende Zeit will ich nicht mit sinnentleerten Winkelzügen und endlosen Wiederholungen verpuffen. Auch nicht mit Selbstbefriedigungsritualen oder Geltungsspielen. Dabei hilft mir sowohl die Erfahrung mit Menschen, die sichere Einschätzung und Unterscheidung, als auch meine Respektlosigkeit vor "Autoritäten". Hätte ich diese nicht, wäre ich den Mechanismen von Angst und Liebe nicht beigekommen und müsste mein Leben anders hinterfragen.
Daraus folgt, dass wir die eigennützigen Bocksprünge irgendwelcher Selbstverliebten nicht so ernst nehmen sollten.

07.03.2010

Reaktionen und Visionen

Wir betreiben in diesem Land nur Interessenspolitik. Wir haben keine Visionen, keinen Entwurf für den Weg unserer Gesellschaft. Wir unterscheiden nicht Dringendes von Wichtigem. Die Politik produziert nur Reaktionen und wird so für die Jugend unglaubwürdig. Die Parteien sind Interessensverbände, erzeugen für ihre Profilierung öffentlichkeitswirksame Probleme, die es meist zuvor nicht gab und auch später nicht mehr geben wird. Sie drehen an Ort, versinken im Sumpf des Pragmatismus und des materialistischen Denkens. Wir brauchen aber eine Politik, die sehr weit in die Zukunft zielt und dafür auch Einbussen in Kauf nimmt. Es braucht Ziele, für die wir brennen können. Vielleicht müssten Entscheidungen weniger nach Mehrheiten gefällt werden, als nach den Übereinstimmungen in den Visionen. Dafür müssten diese entwickelt werden, was Volksvertreter nicht leisten können. Sie sind von Mehrheiten gewählt und wollen wieder gewählt werden. Je grösser eine Mehrheit ist, desto mittelmässiger stellt sie sich dar. Der Durchschnitt wählt sich selbst und damit durchschnittliche Politiker. Verflixter Kreis. Dass in dieser Aussage Gefahren lauern, weiss ich. Aber ich weiss auch, dass die Jugend aus der Politik verschwindet und nicht nur sie. Dieser Verlust ist fatal für jede Zukunft. Für mich bedeutet dies, dass grundlegende Veränderungen ausserhalb der Parlamente angeschoben und Politker so unter Druck gesetzt werden müssen.

05.03.2010

Noe 2 - leben und reden

Als er ein Junge war, hörte Noe: "Er kann es, aber er strengt sich zu wenig an". Nach zwanzig hiess es: "Naja, er ist noch jung und wird seinen Weg schon finden." Als er dreissig war, sagten sie: "Initiative und Kreativität hätte er, aber er macht nichts daraus." Etwas später wurde gemunkelt: "Bei dem weiss man ja nie, welchen Preis man machen soll, er hat ja nichts". Vom nun 40jährigen forderten sie: "Himmel, der sollte endlich mal kapieren und erwachsen werden". Mit 50 war Noe zeitweilig leergelebt: "Wir wussten immer, dass man so nicht leben kann", hallte das Echo der Selbstgerechten. Und jetzt? Jetzt fragten sie: "Mensch, wie hat er es bloss angestellt, sich diese Freiheit zu bewahren und dabei in andern so viel zu bewirken?". Und sie klagten ihm, dass sie sich nicht aus ihren Schachteln trauten, da der Ausreden inzwischen zu viele wären, um sie lebend zu überwinden.

kreuzanders

"Gekreuzigt" ist immer und kann kreuzanders sein. Das Kreuz bezeichnet den Punkt, an dem du soeben stehst. Du kannst ihn weder wählen, noch verlassen: Angenagelt. Jede Situation ist Kreuz(ig)ung.
Der "Gekreuzigte" ist der bedingungslos an seine bejahte Wirklichkeit gebundene Mensch in seinem Augenblick. Ohne Ausweg.
Die "Erlösung": Selbstverständlich in der Mitte dieses Kreuzes leben zu können und zu wollen? (1993)

04.03.2010

Noe 1 - Er-leb-fahr-en

Wegen seines körperlich enthaltsamen Lebensentwurfes geriet Noe oft in Gespräche über Erleben und Erfahren. Dabei sah er, dass jene die am lautesten "Freiheit" schrien, unfähig waren, sie zu leben. Wie abgerichtete Rattenrudel rasten sie einem Freiheitszwang hinterher, welcher ihnen genau das versagte, wonach sie jagten: Freiheit. Und doch meinten sie mit grossem Ernst, dass sie vor "so einem Schritt wie seinem" noch leben wollten. Noe fragte sie jeweils spöttisch, ob er denn nun tot sei? Das Leben war doch immer und überall, nicht nur in der Freizeit oder "irgendwann dann".
Hier schien es ihm mehr um die Wahrnehmung des Erlebten und die Bewertung des Geschehenen zu gehen. Noe hielt den Satz "Ich will noch etwas erleben" für eines der wirksamsten Mittel, mit dem sich jemand von sich selbst verabschieden konnte.

03.03.2010

Es ist ein Kreuz ...

... mit der Logik: Glaube und Wissen schliessen sich aus. Nur was wir nicht wissen, können wir glauben. Was wir wissen, wissen wir und brauchen es nicht zu glauben. Allerdings wissen wir verdammt wenig.

Worthülsen?

Ich bin mit zwei Sprüchen aufgewachsen. Erst mit dem Allzeit Bereit der Pfadfinder, dann mit dem Tapfer und Treu der damaligen Jungwacht. Beide Wahlsprüche haben mich mitgeprägt und wurden mit mir erwachsen. Wenn ich heute für Wachheit, Wahrnehmung, Gegenwärtigkeit und Solidarität plädiere, lässt sich das leicht mit Allzeit Bereit umfassen. Wenn jemand gegen den Strom schwimmt, umsetzt, was aus ihm wächst, seine Authentizität entwickelt, den Preis dafür auf sich nimmt, sich und anderen treu bleiben will, so kann das Tapfer und Treu sein.
Worte sind Worte, ihr Sinn entwickelt sich durch Erkenntnis und Erfahrung. Oft lohnt es sich, die scheinbar plattesten Sprichwörter und Volksweisheiten tiefer zu bedenken. Mit manchmal erstaunlichen und verschiedenen Resultaten je nach Lebensalter und Erfahrungsstand.
Das Medium ist ist weder dumm noch gescheit, es spiegelt nur seinen Nutzer.

02.03.2010

Brückenschlag?

Verbunkert in sich selbst.
In Ungenügen, Traum und Hoffnung.
Wartend auf den Kick von aussen.
Plattes Verstehen, keine Erkenntnis.
Erleben statt erfahren.
Träge, sinn- und tatenlos.
Und innen drin herrscht Nacht.

Fangnetze ausgelegt, die nicht halten.
Furchtgetriebener Kulissenbau,
mit Style statt Stil
einsam in der Inszenierung seiner selbst
auf der engen Bühne aller Angst.
Wissen um die Leere, die gefrorene Liebe,
um den Anspruch und die Wirklichkeit.
Uneingelöst.

Da war nur Wort und keine Tat.
Kindisch und feige,
arrogant und zynisch.
Allzu schmale Gedankenwege.
Dunkle Brille vor den Augen.
Es nützt nicht, schön zu färben:
Reine Armut ist es – und er spielt sich schlecht.
Das ist nicht er. Das meint er sein zu müssen.
Denn - er liebt sich nicht.
Gefangen.

Solche Seelen sind nicht ansprechbar.
Sie sind wie ein verschlossenes Tor.

Schweigend und erfolglos
die Würde anderer getreten
und die eigene aufgegeben.

Weg von hier, verduften.
Zuviel Geist für seine kleine Welt.
Das Jahr ist um.
Die Kerzen sind gelöscht.
Geruch von abgestandenem Rauch.
Unsere Gläser werden nicht mehr klingen,
auch nicht, wenn wir uns aus Zufall treffen.
Überfordert von Verbindlichkeit
konnte er nichts entgegensetzen.

Such' Dir eine Wirklichkeit
für die Du brennen kannst.
In der du nicht nur überlebst,
sondern lebst –
anstatt von Bild zu Bild zu turnen.
(f. B. 04.01.10)

Slalom

Schablone darüber
darunter Scheisse.
Ich kann nicht weg schauen.
Was war, hat stattgefunden.
Es geht nicht
um den Christbaumschmuck,
es geht um den Baum.
Warum tu ich mir das an?
Liebe.

Wo?

Triviale Sätze aus den monastischen Erfahrungen I

Wo Glaube als Wissen daherkommt, geht die Lüge nebenher.
Wo Bescheidenheit zum Wettbewerb wird, herrscht reine Eitelkeit.
Wo Brüderlichkeit ohne Streit zur Norm wird, da lebt sie nicht.
Wo Beständigkeit sich nicht mit Bewegung paart, herrscht Angst.
Wo Armut gepredigt wird, da steht die Sattheit am Rednerpult.
Wo Gemeinschaft zwingend ist, wächst die Einsamkeit.
Wo jemand andern Askese auferlegt, macht sie keinen Sinn.
Wo Selbsthass zur Askese führt, wird sie zur Krankheit.
Wo keine Zartheit ist, da kann auch keine Liebe sein.
Wo aus Antworten keine Fragen wachsen, wird nicht wirklich gefragt.
Wo man Mysterien in Worte verpackt, da werden sie missbraucht.
Wo Herden sind, da läuft man blökend hinter einander her.
Wo Gott wohnt weiss keiner.
Wo lernt man los zu lassen?

Jung und alt

Jugend ist kein Lebensabschnitt sondern ein Geisteszustand, ein Schwung des Willens, Regsamkeit der Phantasie, Stärke der Gefühle, Sieg des Mutes über die Feigheit, Triumph der Abenteuerlust über die Trägheit.
(Albert Schweitzer 1875-1965)

Zweierkisten

"Zweierkisten" erlösen nicht vom menschlichen Grundgefühl, letztendlich alleine zu sein. Sie nähren die gegenteilige Illusion mit Vertrautheit, Romantik und Vorstellungskonzepten, bis hin zur Abhängigkeit.
(Es gibt Ausnahmen. Ausnahmen sind nicht die Regel – platt und wahr)
Der Anfang einer Beziehung müsste lauten: "Ich brauche Dich nicht, also lass' es uns versuchen". Keine Buchhaltung der Emotionen, keine Ansprüche auf den andern, soweit sie nicht die gemeinsame Organisation betreffen. Unterscheiden zwischen Geist und Hormonen, keine Erziehung des anderen und keine ultimative Verbindung der Liebe mit Sexualität. Liebe rechnet nicht und fordert nicht. Sie kann nur begleiten, erwartungslos und frei.

Kunstbeflissen

(Wenn einer durch die Institutionen turnt, um Finanzen für ein Projekt aufzutreiben, wird  vielerorts eine Vita verlangt. Absurder Leistungsausweis für Kreativität und Qualität einer Person, rührender Versuch etwas in den Griff zu bekommen, was nicht fassbar sein kann und darf. Hier ein untypisches Beispiel eines ... :)

Name XY: (bestellte) KURZ-VITA …

… eines bestandenen Autodidakten. Warum fragt jeder, der mich kennen will, nach Vergangenheit und Zukunft und keiner nach der Gegenwart? Suche nach dem Kategoriennetz der Hosenscheisser.

Ja: Ich wurde geboren. Zweifelsfrei 19xx. Eltern bekannt.
Ja: Ich wuchs auf, behütet und verletzt aus der Geschichte.
Ja: Ich wurde geschliffen - und wie alle mit anderem Resultat.
Ja: Musik war von Anfang an dabei, Kultur und Sprachensalat.
Ja: Viel Literatur, Kunst und Ideen. Talent.
Ja: Ich habe auch im Wald gespielt.
Ja: Jasager wurde ich nicht. Dafür kam mein "Nein".
Nein: Ich mache dieses Affentheater nicht mit.
Nein: Ich suche andere Wege. Und: ... Pioniere gehen oft allein.

Da war Kunst, Werk und Denken so weit die Sinne reichten. Hineingewachsen und verwachsen. Was ich brauchte, suchte ich selbst. Ich suchte gründlich und suche noch. Jahrzehnte gab ich weiter was ich lernte, an Jugendliche und an Erwachsene, an "Kranke" und "Gesunde". Mit ihnen allen bewegte mich Malerei, Aktion, Theater, Texte, Musik und Klang, Medien, Performance und anderes mehr. Manchmal auch "nur" absichtslose Zärtlichkeit. Ich lernte die Kunst des "Aufdembodenstehens", begleitete Menschen an das grosse Tor zum ewigen Schweigen, mit anderen rang ich um ihr Leben. Oder ich loderte in der Politik und rieb mich wund an andern Künstlern. Wesentlichkeit und Intensität. Keine Schnörkel. Oft kam die Kunst zu kurz und explodierte genau dann, wenn ich es am wenigsten erwartete. Sie war da, durchwirkte mein Leben, führte zu Wachheit und Wahrnehmung. Wird Mann so unkultiviert oder ist er so Kultur? Kann Kunst und Auseinandersetzung Selbstverständnis sein? Ja. Und Abertausende Menschen erlebten das in meinen grossen Häusern, als Gast oder Freund. Lernen und Lehren waren einerlei.

Mit 30 der totale Namenswechsel, Umzug in den Süden, unauffindbar neu. Andere Signatur. Darf ich das? Kann ich mir das leisten? Name und Gerücht. Es zählt das Werk. Anderes nicht. Was weiss ich nach bald 45 Jahren Kunst? Was weiss ein Mönch von Gott? Am Rand des Wahrnehmbaren tanzen. Wie lebt er mit Verantwortung und Antwortlosigkeit? Was habe ich zu sagen? Oder ist jede Äusserung zugleich Lüge vor anderen und mir selbst? Wo liegt der Konsens der Herde zu Qualität und Wirklichkeit? In der Wahrheit? Wer setzt die Latten, die wir so masslos überspringen sollen? Weshalb Antworten geben, statt Fragen zu leben – angstlos, geradeaus und verwegen?

Warum also andern Daten liefern, wo sie doch mich selbst nicht interessieren? Sie sind langweilig und abstrakt: Jeder versteht und füllt sie wie er will und kann. Hier liegen die Grenzen, die Schluchten … und die Kategorien trügerischer Selbstversicherung.

Meine Vita – IST! Man möge mir das glauben. Wäre sie nicht, wüsste ich nicht, woraus und wofür ich leben wollte.