28.03.2010

Noe 9 - Der verlorene Gast

'Nie habe er Zeit' und 'er komme kaum zu Besuch', warfen sie Noe vor. Sie hatten recht und er konnte sie verstehen. Nur, Noe war anders. Wo sollte er das Leben suchen, da es doch beständig durch seinen Alltag floss? Weshalb reisen, wenn er weder Langeweile kannte, noch Verlassenheit? Noe lebte die Gegenwart. In seinen Gedanken tummelten sich die vielen Menschen, mit denen er in Berührung gekommen war und all' jene, die er liebte. Auch nach langer Zeit konnte er Freunden so begegnen, als hätte er sie erst gestern gesehen. Noe trug die Menschen in sich mit. Deshalb staunte er, wenn diese nun plötzlich auf eine Lücke aufmerksam wurden. Er kannte keine solchen Lücken. Einmal besuchte er, zwanzig Jahre nach dessen Tod, auf dem Friedhof einen seiner besten Freunde. Noe hatte damals an der Beerdigung nicht teilgenommen. Erschüttert stand er vor dem Grab, las den Namen und für Noe starb der Freund erst jetzt. Von nun an war er Erinnerung, bis hierhin hatte er in ihm und mit ihm weitergelebt. Noe begriff, dass es lebenslange Liebe gab, vielleicht erst recht ohne jene "klassischen" Bindungen mit ihren vielen Stolpersteinen. Leise sprach er mit dem toten Freund, pflückte ein paar Blumen, schob ihm Zigaretten unter das Grabmal und verliess den Ort. Seinen Freund nahm er mit.