02.03.2010

Kunstbeflissen

(Wenn einer durch die Institutionen turnt, um Finanzen für ein Projekt aufzutreiben, wird  vielerorts eine Vita verlangt. Absurder Leistungsausweis für Kreativität und Qualität einer Person, rührender Versuch etwas in den Griff zu bekommen, was nicht fassbar sein kann und darf. Hier ein untypisches Beispiel eines ... :)

Name XY: (bestellte) KURZ-VITA …

… eines bestandenen Autodidakten. Warum fragt jeder, der mich kennen will, nach Vergangenheit und Zukunft und keiner nach der Gegenwart? Suche nach dem Kategoriennetz der Hosenscheisser.

Ja: Ich wurde geboren. Zweifelsfrei 19xx. Eltern bekannt.
Ja: Ich wuchs auf, behütet und verletzt aus der Geschichte.
Ja: Ich wurde geschliffen - und wie alle mit anderem Resultat.
Ja: Musik war von Anfang an dabei, Kultur und Sprachensalat.
Ja: Viel Literatur, Kunst und Ideen. Talent.
Ja: Ich habe auch im Wald gespielt.
Ja: Jasager wurde ich nicht. Dafür kam mein "Nein".
Nein: Ich mache dieses Affentheater nicht mit.
Nein: Ich suche andere Wege. Und: ... Pioniere gehen oft allein.

Da war Kunst, Werk und Denken so weit die Sinne reichten. Hineingewachsen und verwachsen. Was ich brauchte, suchte ich selbst. Ich suchte gründlich und suche noch. Jahrzehnte gab ich weiter was ich lernte, an Jugendliche und an Erwachsene, an "Kranke" und "Gesunde". Mit ihnen allen bewegte mich Malerei, Aktion, Theater, Texte, Musik und Klang, Medien, Performance und anderes mehr. Manchmal auch "nur" absichtslose Zärtlichkeit. Ich lernte die Kunst des "Aufdembodenstehens", begleitete Menschen an das grosse Tor zum ewigen Schweigen, mit anderen rang ich um ihr Leben. Oder ich loderte in der Politik und rieb mich wund an andern Künstlern. Wesentlichkeit und Intensität. Keine Schnörkel. Oft kam die Kunst zu kurz und explodierte genau dann, wenn ich es am wenigsten erwartete. Sie war da, durchwirkte mein Leben, führte zu Wachheit und Wahrnehmung. Wird Mann so unkultiviert oder ist er so Kultur? Kann Kunst und Auseinandersetzung Selbstverständnis sein? Ja. Und Abertausende Menschen erlebten das in meinen grossen Häusern, als Gast oder Freund. Lernen und Lehren waren einerlei.

Mit 30 der totale Namenswechsel, Umzug in den Süden, unauffindbar neu. Andere Signatur. Darf ich das? Kann ich mir das leisten? Name und Gerücht. Es zählt das Werk. Anderes nicht. Was weiss ich nach bald 45 Jahren Kunst? Was weiss ein Mönch von Gott? Am Rand des Wahrnehmbaren tanzen. Wie lebt er mit Verantwortung und Antwortlosigkeit? Was habe ich zu sagen? Oder ist jede Äusserung zugleich Lüge vor anderen und mir selbst? Wo liegt der Konsens der Herde zu Qualität und Wirklichkeit? In der Wahrheit? Wer setzt die Latten, die wir so masslos überspringen sollen? Weshalb Antworten geben, statt Fragen zu leben – angstlos, geradeaus und verwegen?

Warum also andern Daten liefern, wo sie doch mich selbst nicht interessieren? Sie sind langweilig und abstrakt: Jeder versteht und füllt sie wie er will und kann. Hier liegen die Grenzen, die Schluchten … und die Kategorien trügerischer Selbstversicherung.

Meine Vita – IST! Man möge mir das glauben. Wäre sie nicht, wüsste ich nicht, woraus und wofür ich leben wollte.