29.04.2010

1. Mai - (m)Ein Land wird sauber

Nun sind wir auch hier so weit: Rauchverbot in den Gaststuben. Die Staatskünstler handeln erstaunlich schnell, wenn sie damit auf die Bühne gelangen und Mehrheiten hinter sich scharen können. Weniger erstaunlich ist es, dafür umso erschreckender, wie schnell diese Mehrheiten sich nach dem Winde drehen und dabei Grundsätze der Freiheit, wie gegenseitige Grosszügigkeit, Verständigung und persönliche Lebensführung, in die Hölle pusten. Unsere Gesellschaft ersäuft sich im Mief des kleinen Mannes, der andere verurteilen muss, um nicht die Achtung vor sich selber zu verlieren. Die Abenddämmerung in den Mehrheitsköpfen achtet nicht auf Minderheiten. Auf Kameraden, es gibt zu tun, jagt die Dicken, die Schräggeher, die falschen Rentner, die Ausländer, baut die Lebensmittel zu Heilmitteln um, merzt alle irgendwie Süchtigen aus, sperrt weg, was euch Angst macht und rutscht auf den Knien dem Gesundheitstraum entlang und der Konsumsucht hinterher. Um die wirklichen Fragen dieser Welt kümmern wir uns später, vorerst lasst uns lustvoll unterwürfig jede neue Fessel tragen. Die Hasenfüsse mit ihren Wohlstandsproblemen bemerken dann zu spät, dass die Enge drückt, die staatliche Bevormundung unerbittlich wächst und die Krankheiten weiter zunehmen. Wen sollen sie dann verdammen?
Sie werden neue Feinde finden, dessen bin ich mir gewiss.

27.04.2010

Noe 15 - Seba der Bauer

Wo Seba lebte, lernten junge Männer anständige Berufe, drückten sich nicht vor dem Militärdienst, trugen einfache Namen nach den Bräuchen der Familie und fast jeder war früher Messdiener. Eines Mittags stand Seba jenseits der Mauer bei der Kapelle und Noe diesseits im Garten seines Hauses. Seba war von hohem Wuchs, etwa zwanzig Jahre alt, schlank, ein Blondschopf mit offenen Augen und hatte starke aber feine Hände. Er habe früher, so erzählte er, einmal den Gedanken gehabt, vielleicht Priester oder etwas in diese Richtung zu werden. Dieses Leben und die Arbeit mit den Menschen hätten ihn angezogen. Er wäre wohl zu dumm gewesen für diesen Weg, beschloss er seine Worte. Diese unverblümte Aussage schien so selbstverständlich, dass sich Noe für Seba gegen dessen eigenes Urteil auflehnte. Lange Zeit danach, hob Seba mit dem Gabelstapler ein grosses Eisen-Kunstwerk über den hohen Zaun um Noes Garten. Dieser verfolgte gebannt, wie wachsam Seba die haarfeinen Bewegungen vollführte. Ein andermal schleppten sie gemeinsam eine schwere Kiste vom Dachboden nach unten. Darin lag die frühere Madonna aus der Kapelle, die vor Jahren einer restaurierten Muttergottes weichen musste. Seba hatte sie noch nie gesehen. Einmal mehr sah Noe diese Aufmerksamkeit und fühlte Seba's leisestolze Ehrfurcht vor dem alten Standbild. Denn es barg in sich das eingehauchte Leben seiner Vorfahren, die alle ihre Freuden und Leiden davor niederlegten. Als für Seba die Zeit der Meisterprüfung kam, schrieben sie zusammen an seiner dicken Schlussarbeit. Immer wenn Noe zu einem Satz anhob, hängte Seba in dessen Mitte ein und vollendete ihn. Dabei versprühte er ein Wissen, welches Noe betreten verstummen liess. Er war schon aus den Bergen ins flache Land gezogen, als Seba ihn besuchte. Ganz am Rande erwähnte Noe, dass er nicht wusste, wo er sein Alter verbringen würde. Seba entgegnete ihm, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, die Häuser bei ihnen wären gross genug. Inzwischen hatte Seba seine Frau gefunden, von den Eltern den Hof übernommen und war Vater geworden. Und Noe wusste um einen verschwiegenen Freund, der zu gescheit war, um gescheit daher zu traben. Er hatte von Seba weit mehr gelernt, als jener von ihm erhalten hatte und Noe wusste nun, was "Heimat" war.
(Seba hiess in Wirklichkeit anders)

21.04.2010

Trip und Flucht

(Gesprächsnotiz)
Ich kenne all' dieses Zeugs seit 45 Jahren. Was habe ich mir schon angehört, wie LSD und andere Mittel das Bewusstsein erweitern würden. Bisher traf ich niemanden, auf den diese Aussage zutraf. Eher verschob sich die enge Sicht woanders hin und wurde dort noch schmaler. Schon vor Urzeiten hätten sich Naturvölker auf diese Weise berauscht, erfuhr ich dann. Blödsinn. Die lebten in völlig anderen Kultur- und Zeitumständen, in denen sie ihre Menschen unter Anleitung und mit langen Ritualen auf eine Seelenreise führten. Nach einem oft wochenlangen Prozess konnte der Schluss der Reise aus einem Drogenerlebnis bestehen. Wir Zeitgeistmenschen wollen in billiger Anbiederung diesen tiefgreifenden Vorgang nun ersetzen, in dem wir in die Sonne blinzeln, uns naturnah schwatzen ohne es zu sein, Musik unterlegen und einen Trip schmeissen. Das Bild spricht Bände, womöglich sind wir auch noch mit dem Auto hingefahren. Die Indianer rundeten eine Sicht, die sie lebten. Wir aber schlucken unser Ding und kehren danach zur alten Bezugslosigkeit zurück. Die meisten Konsumenten "bewusstseinserweiternder" Drogen sind biedere und ängstliche Kleinbürger, die zu umgehen suchen, was sie anpacken müssten. Sie schaffen weder Neues für sich, noch für andere. Sie folgen dem Strom und verkünden so nicht einmal das Gegenteil des Schongehabten, geschweige denn ein gesellschaftliches Signal. Sie sind entweder nur konsumgeil und um 50 Jahre verspätet oder sie durchlaufen die Wirren der jugendlichen Wer-bin-ich-Zeit. Wer tatsächlich andere Wege finden will, stellt sich mit klarer Wahrnehmung der Wirklichkeit. In ihr lässt sich ohne Hilfsmittel Vergleichbares nachhaltiger erleben. Mit kleinkarierter Feigheit und grosskotzigen Sprüchen ist das nicht zu machen, aber mit Mut. Dieser wächst aus der Überwindung der Angst. Nicht aus einem Trip.

20.04.2010

Noe 14 – Was nützen Mauern ohne Tor?

In Noe's Leben gab es Grenzgänger und kranke Menschen. Einige hatten christliche Therapien hinter sich und was sie ihm erzählten, liess ihn erschauern. Nach der körperlichen Droge verloren sie sich neu in einer seelischen. Dies untermauerte seine Sicht auf die Kirchen, denen er misstraute. Von Hirten und Herden hielt er nichts. Sollte er in seinem Ärger nun austreten oder sich einlassen? Noe war Noe: Er entschied sich für den abenteuerlichen Weg und blieb. Mönch zu werden war nicht ein neues Leben, aber ein Richtungswechsel. Still bereitete er sich drei Jahre auf diese Wende vor. Als er so weit war, besuchte er im neuen Kleid seinen Freund im grossen Kloster. "Endlich", war dessen einzige Bemerkung. Noe suchte nun eine Gemeinschaft, in der er und seine kranken Freunde leben konnten. Er stiess auf Wohlwollen, fand aber nur Plätze am Rand. Dort waren sie schon. Noe wollte mit seinen Leuten in die Mitte, also musste er aus sich selber schöpfen. Zu allen Zeiten gründeten Menschen neue Orden und viele entstanden ohne Segen der Kirchenfürsten. Dies wollte er tun. In diesem Kloster würde es keine Gelübde geben und junge Männer konnten es besuchen, mitleben, bleiben oder gehen. Noe fragte nicht nach Hintergrund und Religion. Sie alle wurden Mönche auf Zeit, so wie es Noe in der buddhistischen Welt gesehen hatte. Das kleine Kloster wuchs und schrumpfte je nach Stand der Dinge. Er selber sah sich als Erster unter Gleichen, ein Begleiter durch die Schluchten, was nicht immer ganz gelang. Manchmal waren die Erfahrungsunterschiede zu gross und Noe liebte sich an den Rand seiner Kräfte. Die Mitbrüder brachten ihre Absichten und ihr Bestes in die Gemeinschaft, suchten hier nach ihren Spuren und trugen die neuen Erfahrungen hinaus in ihre Welt. Noe seinerseits hielt sein Versprechen an sich selbst und blieb, pflegte die Pflanzen, auf dass sie neue Früchte trugen.

18.04.2010

Noe 13 - Der Knabe und die Mönche

Noe war ein gläubiger Knabe. Sein Gott war nicht dreifaltig und hatte einen Bart. An ihn wandte er sich, wenn er alleine war. In Jesus sah er nicht Gott, sondern den mutigen Menschen und Bruder. Niemand wusste von Noe's stiller Welt, er behielt sie lückenlos für sich. Als seine Eltern erwogen, ihn, den 13jährigen, in die Klosterschule zu schicken, verhinderte er dies mit aller Kraft. Sein grösstes Geheimnis wäre offenkundig geworden und dafür war er zu scheu. Anderseits trugen im Kloster die ihm gleichaltrigen Schüler schon richtige Kutten und waren am Klosterleben beteiligt. Dieser Gedanke führte ihn regelmässig auf eine betörende, traumtänzerische Reise durch seine Tiefen. Zerrissen von Sehnsucht und Trotz. Obwohl er nicht wollte, wäre er zu gerne dorthin gezogen und – vielleicht geblieben. Durch die ganzen Schleifen seines Lebens begleitete ihn diese Glut. Manchmal loderte sie auf, wurde zum Feuer und er vernahm in sich die wehmütigen Rufe seines verbannten Klosterbruders. Ihm konnte er sich nicht entziehen. Auch nicht mit seinem zähen Kampfgeist und der unbändigen Freiheitsliebe. Ein solcher Ruf verzauberte Noe gleichermassen, wie er ihn verängstigte. Inzwischen hielt er tausend Ausflüchte dagegen, obwohl er wusste, dass mit Vernunft kein Schritt in diese Richtung jemals zu begründen war. Noes Gefühle gerieten in Aufruhr, wenn er vor einem bewohnten Kloster stand oder auf der Strasse einem jungen Mönch begegnete. Sein Blut stockte in den Adern, das Gefühl der Unzulänglichkeit übermannte ihn, die Augen verloren sich im dargebotenen Bild und begannen zu schimmern. Als er längst erwachsen war, betrat er, auf seine Weise und in vollendeter Widersprüchlichkeit, den Weg zum Mönch, auf dem er sich schattenhaft ohnehin schon längst befand. Nun aber schritt er wach und klar voran, wie nie zuvor.

17.04.2010

Fernsprecherei

Zurückhaltung und Geduld sind im Umgang mit Menschen wichtige Tugenden. Ich teile mein Leben mit einigen Telefonen. Sie schlummern in Räumen oder in der Hosentasche, bis ein eigenmächtiger Anrufer sie und ihren Besitzer ferngesteuert in Bewegung setzt. Augenblicklich schiessen sie aus ihrem Dornröschenschlaf, mischen sich in mein Geschehen ein, mit ihrem ganzen Register an ordinären Signalen. Sie fordern ungeteilte Zuwendung, gleich ob ich gerade mit Menschen zusammen bin, mir die Zähne putze oder koche. Ich will nicht. Tapfer ertrage ich den Einbruch, während ich auf dessen Ende hoffe. Andernfalls meint der Anrufer, sich verwählt zu haben und beginnt den nächsten Versuch. Ich will immer noch nicht, verspüre keine Lust zu reden. Ah, endlich - Ruhe: Und fünf Minuten später das gleiche Spiel. Der Befehl lautet: "Du hast abzunehmen, wenn Du zuhause bist", die heilige Leier der immerwährenden Erreichbarkeit. Verhielte sich jemand in meinen Räumen so wie meine Telefonapparate, würde ich diesem Menschen unverzüglich die Türe weisen. Hier aber wird mich später einer fragen, warum ich seinen Anruf nicht entgegennahm, er habe mehrmals versucht, mich zu erreichen. Anklage in tonaler Mittellage, die natürlich ernst ist und nur besagt, dass er nicht erhielt, was er haben wollte. Telefone gleichen schreienden Kleinkindern, nur trösten kann man sie nicht.

Noe 12 - Vorwort zwischendurch

Dann und wann wurde Noe aufgefordert, seine Gedanken aufzuschreiben. Noe hatte den Eindruck, dass es genügend ungelesene Bücher gab und niemand darauf wartete, dass auch er sich öffentlich darbot. Wenn er seine Gedanken niederschrieb, dann schienen sie ihm unverrückbar zu werden, wie in Stein gemeisselt. Sein grosses Interesse am Leben junger Menschen stimmte ihn um. Die Jungen waren die Boten der Zukunft. Von ihnen wollte er lernen und so für ihre Zeit erreichbar sein. Im Gegenzug hatte er befreiende Zeugnisse aus seinen Jahren anzubieten, die sie nutzen konnten oder nicht. Noe wusste um Liebe und Pein, wie man Menschen erkannte und mit ihnen in Beziehung trat. Er hatte Trampelpfade aufgespürt durch die Wirklichkeit, auf denen man nicht an derer Einfachheit zerbrach. Und wie oft hatte er die eigene Angst vor der Angst des anderen durchlaufen und dabei gelernt, mit diesen Lähmungen umzugehen, sie aufzulösen oder das Selbstmitleid zu überwinden. Noe kannte sowohl den Schmerz dieser Zeit, als auch ihre billige Wehleidigkeit. Ihr stellte er sein Denken und Handeln entgegen. Wollte er sich nun an junge Menschen wenden, bedeutete dies auch, sich der Mittel ihrer Zeit zu bedienen. Er erzählte einem Bekannten kleine Geschichten aus seinen Tagen und dieser zauberte sie, ein- und ausschaltbar, auf die Bildschirme einer flirrenden Zweitwirklichkeit: Ein, aus, ein, aus, ein, aus, je nach belieben. Noe war froh, dass so keiner über ihn lesen musste, der dies nicht wollte.

08.04.2010

Gut und Schlecht

Die kleine Maus war auf der Flucht. Weit entfernt von ihrem Mausloch wurde sie von der Katze gejagt und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Der Busch da vorne bot zu wenig Schutz, die aufgeschichteten Steine auch nicht, da wäre sie tagelang belagert worden. Trotzdem sie um ihr Leben rannte, kam ihr die zündende Idee. Sie schlug einen Haken, flitzte in den Stall und fragte die Kuh nach einem perfekten Versteck. Diese dachte nach und hatte schliesslich den rettenden Einfall: "Ist nicht so angenehm, aber stell' dich unter meinen Hintern". Verdutzt und unschlüssig die Maus - ungeduldig die Kuh: "Mach vorwärts!". Das Mäuschen stellte sich also hin und schon einige Sekunden später war es zugedeckt von einem warmen Kuhfladen. Nun tigerte die Katze daher: "Hast du die kleine Maus gesehen?", fragte sie die Kuh. Diese: "Nee, wie sollte ich, in all' dem Stroh". Also zog die Katze aufmerksam ihre Runden durch den Stall oder sass lauernd auf dem Fensterbrett, von wo aus sie alles übersehen konnte. Da plötzlich erkannte sie, wie sich im Dung der Kuh etwas bewegte, was aussah wie ein  dünner Wurm. Sie ging hin, erkannte den Schwanz, packte diesen mit einem Griff und verschlang die quietschende Maus.
Und die Moral der Geschicht': Nicht jeder der dir auf den Kopf scheisst, will dir Schlechtes tun. Und nicht alle die dich aus der Scheisse ziehen, meinen es gut mit dir.
(Nachgetextete Geschichte aus dem Volksmund)

06.04.2010

Die Zirkusbühne ist rund

Ich kenne Menschen, die werden überrannt von den eigenen Ereignissen, noch während sie diesen hinterher jagen. Gierig hetzen sie durch den selbst erzeugten Druck, müssen dringend dieses realisieren oder jenes noch haben. Grenzenlos das Leben melken wie eine Kuh, ohne sich zu fragen, von wem sie gefüttert wurde. Das Zauberwort heisst "Selbstverwirklichung". Die Dringlichkeit ist Dauerzustand und das Wichtige dümpelt vor sich hin. Sie suchen die Überforderung, um sich selber zu spüren und ihrer verkopften Betriebsamkeit Leidenschaft und Seele einzuhämmern. Hinleiden zur eigenen Wirklichkeit, gut verpackt und mit Argumenten verkleistert, damit allen verständlich wird, wer man ist. Denn ohne Bestätigung, Bewunderung und Komplimente, die dann bescheiden abzulehnen sind, ergibt das Ganze keinen Sinn.
Bei diesen Menschen werde ich das Gefühl nicht los, dass sie sich als Hauptdarsteller auf einer Bühne wähnen und sich um die eigene Achse drehen. Sie machen alles zur Kulisse, jeden zum Statisten und gelangen so zu einer Selbstdarstellung, in der sie sich erträglich finden. Sie ahnen, dass sie ihr Leben von sich weisen, sich selbst nicht akzeptieren und sich auf der Flucht befinden. Intellektuell ertragen sie Kritik, emotional hingegen nicht, denn da zerfiele die Kulisse. Solches Leben ist fremdbestimmt und verletzt den eigenen Wert. Die Schuldgefühle bleiben und führen zur nächsten Runde im Hamsterrad der eingebildeten Lebensschuld.

05.04.2010

Shitegal

Vor Jahrzehnten trug ich mein kleines Piece Shit in der Tasche und auf meinem Fensterbrett spross der Hanf, den ich aus eigenen Samen zog. Joints waren normal, entsprachen dem Gefühl der Zeit in der wir lebten und um die wir kämpften. Cannabis war eine alte Pflanze, doch wir empfanden sie als neu, so wie Jugendliche immer als neu empfanden, was ihnen gleichaltrig schien. Haschisch bot keine grossen Probleme. Bei LSD wurde es schon kritischer, denn einige verirrten sich auf den ewigen Trip. Vor härteren Stoffen hatten die meisten Respekt, aber längst nicht alle.
Ich habe zuviel gesehen, um moralische Vorbehalte gegen Süchte und Betäubungsmittel zu haben. Sie stehen immer in Beziehung zur Situation des betreffenden Menschen. Sorgen macht mir jedoch der Cannabis-Konsum junger Leute. Gegen deren Keulen war unser Zeugs Kamillentee und ihre Geschichten erinnern mich an Erlebnisse mit härteren Giften. Inzwischen habe ich öfters gesehen, dass langer und regelmässiger Cannabis-Konsum für sehr junge Leute verheerende Folgen haben kann. Schon wenn sie nur wenig unbeständiger sind, als es für jenes Alter ohnehin zutrifft, sind die Folgen dauernden Shitkonsums kaum abzusehen. Das Seelenleben kann völlig durcheinander geraten. Im schlechteren Falle schränkt sich die Wahrnehmung ein, die Entwicklung der Gefühlswelt stockt und die Beziehungsfähigkeit hinkt hinterher. Von Verantwortungsgübernahme und Bewusstseinsentwicklung ganz zu schweigen. Mit zwanzig dann noch immer das Innenleben des Sechzehnjährigen. Tunnelblick. THC schiesst Löcher in die Hirne, frühsenile Vergesslichkeit inbegriffen, und die Träume versanden in abgestumpfter Gleichgültigkeit. Es bleibt noch die Phantasie zur Begründung des Konsums, die Gesellschaft ist schlecht und der Rest ist SHITEGAL.
(vgl. Eintrag 2. März 10 / Brückenschlag)

04.04.2010

Osterangsthasen

(Nachgedanken zu Noe 11)
Zuweilen sind wir von Fragen und Ängsten umstellt, welche die eigenen Grundfesten erbeben lassen. Ein "Ja" muss her oder ein "Nein". Dabei versuchen wir sachlich zu denken und stossen vor allem auf Gefühle. Wir wollen uns absichern und zaubern aus der einen grossen Frage hundert kleine. Die Grundsatzfrage aber bleibt und mit ihr liegt die Antwort in der Luft. Wir trauen nicht uns zu entscheiden, wollen etwas anderes hören, was zugleich heisst, dass es die Ahnung einer Antwort gibt. Nun könnten wir uns treiben lassen, bis die Frage sich von selbst erledigt. Ebenso liesse sie sich aus eigener Kraft anpacken und bewegen. Daran hindern uns die eigenen Gepflogenheiten, Vorstellungen, Bewegungsängste und Befürchtungen oder die Unabsehbarkeiten, obgleich wir derart Unabsehbares wie Kinder in die Welt zu setzen vermögen. Die innere Eingebung irrt sich selten. Wir haben nur verlernt, sie wahrzunehmen und in unser Denken einzubinden, was unser Lebensvertrauen schmälert. Jeder ist von seiner Grenze umgeben, fast vergleichbar mit dem Fluchtabstand der Tiere, kämpfen oder fliehen. Auf der Linie dieses Kreises zeigen sich Punkte, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie ziehen uns in ihren Bann oder stossen uns ab, erzeugen Unsicherheit. Genau hier liegen die Kerben, über welche sich der Kreis durchbrechen liesse. Hinter diesen verschlossenen Toren öffnen sich die Wege. Fürchte dich nicht vor der Angst. Ohne sie gäbe es keinen Mut.

03.04.2010

Noe 11 - Zwiebel(ge)schichten

Noe war nicht der Ratgeber, für den ihn viele hielten. Erfahren war er schon, da er viele Narben in sich trug. Er konnte frei vom eigenen Leben zuhören, gefächert und geschmeidig den erkannten Grundlinien des Gehörten folgen. Er sah auch, ob Körper und Mund eines Menschen zweierlei erzählten. Noe beobachtete viel und fragte wenig. Einmal schwieg er, ein andermal erzählte er von sich. Nicht um Mittelpunkt zu sein, nein, das mochte er nicht. Vielmehr wollte er in Bildern und indem er seine eigenen Fragen darlegte, Wege aufzeigen und dabei verhindern, dass der andere sich preisgeben musste. Manche sprachen Bände, während sie zuhörend schwiegen. Noe hoffte, sie würden hörend mehr über sich selbst erfahren, als wenn sie sprachen. Denn oft behandelten sie ihre eigenen Aussagen wie Luft. Stattdessen erwarteten sie Lösungen von anderen, so auch von ihm. Ausgerechnet er, der nur jene Pfade kannte, die auf sein eigenes Wesen zugeschnitten waren. Der Schlüssel lag doch in ihnen selbst und dort hatten nur sie Zugang, nicht er. Durch viele Gespräche hatte Noe gelernt, wie Menschen zwar verstanden, sich aber davor fürchteten, das Verstandene umzusetzen. Auf seinen steinigen Wegen wurde Noe beigebracht, dass er aus sich selber schöpfen konnte und musste. Seine Lehrerinnen hiessen "Achtsamkeit", "Beharrlichkeit" und "Geduld". Dort, in der Tiefe und Selbstverständlichkeit, fand er alles vor, was für sein Leben notwendig war. Diesen Schätzen schuf er Raum. Noe glaubte, dass jeder Mensch solche Keime in sich trug, viele aber sahen nur, was sie sehen wollten. Der Wirklichkeit schenkten sie keine Beachtung. Verdrängen und Verschweigen konnten Folge von Angst und Faulheit sein, oder ein persönliches Merkmal, vielleicht eine Pflicht und manchmal markierten sie das Recht auf Unversehrtheit.

01.04.2010

Gut gemeint überfahren

"Ich hab's doch nur gut gemeint". Alle kennen diesen Satz, haben ihn selber schon gesagt oder gehört. Er ist das Eingeständnis eines eigenen Irrtums und erzeugt bei allen Betroffenen zweischneidige Gefühle. Die Aussage versucht, den eigenen Fehler jemand anderem in die Schuhe zu schieben. Dieser antwortet unter dem Druck des Anstandes, da er mittelbar verpflichtet wird, für die Überheblichkeit des Gutmeindenden Verständnis zu zeigen. Ein feines Spiel. Einer bestimmt, dass sich ein anderer an etwas zu freuen habe oder beschliesst jemandes Hilfsbedürftigkeit. Ohne jede Abklärung beginnt er mit der Umsetzung, handelt unaufgefordert für den anderen oder in dessen Namen. Glückspiel mit Gefühlen und Vorstellungen. Fehlgriff. Er hatte es gut gemeint. Nun muss er eingestehen, dass er sich mit seiner selbstbezogenen Sicht über den anderen Menschen erhoben hatte und ihn ohne Achtung überging. Die Wut des so Beschenkten ist berechtigt. "Ich habe es gut gemeint" ist ein Entschuldigungssatz. Demnach hat der Gutmeinende die Abgrenzungen des Beschenkten hinzunehmen, da sein eigenes Verhalten sie beide in die Patsche ritt. Meistens aber geschieht das Gegenteil: Der gut gemeint Beschenkte wird für seine Ablehnung der Hochmut bezichtigt, während der anmassend Gutmeinende getröstet wird. Ein feines Spiel, wahrhaftig, ein feines Spiel. Und es ist weit verbreitet.