27.05.2013

Noe 26 – Zeit und Punkt

Noe wusste, dass der Geist wehte, wo er wollte. Ungebeten, unverdient, kaum zu verspüren. Wo Absicht und Erwartung den Menschen gefangen hielten, fand der Geist keinen Platz. Nur loszulassen, sich in Frage zu stellen, weniger zu wollen, ja Bedingungslosigkeit, konnte ihm den Pfad zur Seele bahnen. Unauffällig durchströmte er dann das Leben, hinterliess seine beiläufige Spur, erkennbar erst, wenn alte Erfahrungen in neuem Licht aufschienen und die Schleusen zur Erkenntnis öffneten. „Den Raum dafür musst du selber schaffen“, dachte Noe bei sich, „du aber willst bestimmen, wann das Leben was zu liefern hat, getrieben durch die Angst vor der Fügung, die deiner Macht entzogen ist. Fehlt dir das Zutrauen, dich ungesichert von der Gunst des Atemzuges tragen zu lassen, zu denken ohne dich an stützende Geländer zu klammern? So verbaust du den Fluss, verklebst die Zeit, die du wohl lesen kannst, jedoch nicht zu steuern vermagst“. Wie gerne hätte er ihm nachgerufen: „ Sie zerrinnt - ohne Wiederkehr!“. Doch er schwieg. Alles hatte seine Zeit, so auch dieses. Wann immer jemand eine solch' absichtslose kurze Weile mit Geschichte und Zukunft ausgestalten wollte, wurde der Atem der Gegenwart, der Wirklichkeit, von den widerläufigen Winden ausgefegt und es blieb nur die Flucht. Noe wandte seinen Blick weg vom entfernten Fliehenden, den er eben erst ins Herz geschlossen hatte, und schloss das Fenster.